Fünf Wochen für eine Zukunft voller Energie

Fünf Wochen für eine Zukunft voller Energie

In fünf Wochen installierten Experten der Ingenieure ohne Grenzen in Simbabwes Hauptstadt Harare eine Fotovoltaik-Anlage sowie eine Wasserpumpe. Der Einsatz der von Brunel unterstützten Fachleute ermöglicht es zwei sozialen Einrichtungen, nachhaltig und produktiv ihrer Arbeit nachzugehen: benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Frauen den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen.

„Wenn ich sehe was die Menschen dort alles schaffen, möchte ich einfach auch etwas dazu beitragen“, erklärt Clemens Brauer sein Engagement in den Townships von Simbabwes Hauptstadt Harare. Zusammen mit drei Mitstreitern von der Stuttgarter Regionalgruppe des Vereins Ingenieure ohne Grenzen war der diplomierte Umwelttechniker ab Ende April fünf Wochen lang in den Einrichtungen Shingirirai Trust und Glen Forest Development Centre im Einsatz. Ziel der beiden aus privater Initiative von Einheimischen gegründeten Institutionen ist es, benachteiligten Kindern und Jugendlichen, viele von ihnen Aids-Waisen, sowie Frauen zu neuen Perspektiven zu verhelfen. Unter anderem werden Kindergartenplätze und warme Mahlzeiten bereitgestellt, Aus- und Fortbildungskurse angeboten sowie Verdienstmöglichkeiten geschaffen. Das alles ist kein einfaches Unterfangen, wenn tagsüber aufgrund der maroden Infrastruktur ständig der Strom ausfällt und außerdem kein Wasser zum Kochen sowie für die sanitären Einrichtungen vorhanden ist. Dann müssen viele Büroarbeiten nachts erledigt werden, sobald der Computer wieder läuft, und das Wasser muss in Kanistern hergetragen werden.

Wertschöpfung sollte vor Ort erzielt werden

Mithilfe eines aus Fotovoltaik-Anlagen und Batteriespeichern bestehenden Backup-Systems sollen die teilweise mehrtägigen Stromausfälle überbrückt sowie eine Grundversorgung der wichtigsten elektronischen Geräte gewährleistet werden“, fasst Clemens Brauer zusammen. In Glen Forest musste darüber hinaus eine neue Wasserpumpe installiert und an die Notstromversorgung angeschlossen werden – die alte Pumpe wurde während der politischen Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen 2008 gestohlen. Insgesamt  kostete das Projekt 30.000 Euro, mitfinanziert von der Brunel GmbH.

Um direkt mit den Arbeiten beginnen zu können, hatten Clemens Brauer und Sebastian Nuber, ein Ingenieur für Elektrotechnik, bereits im Vorjahr die Situation vor Ort begutachtet und anhand von Messungen den Energiebedarf der beiden Einrichtungen bestimmt. Zurück in Deutschland, spielte ein achtköpfiges Projektteam anschließend verschiedene Varianten durch und entschied, welche Geräte an das Back-up-System angeschlossen werden sollten: neben der Wasserpumpe vor allem Lampen, Laptops und Nähmaschinen. Auf der Suche nach der geeigneten Technik schauten sich die Ingenieure in Simbabwe um: „Zum einen wäre der Transport einer Wasserpumpe sowie einer Fotovoltaik-Anlage nach Afrika sehr aufwändig gewesen und die Zölle hätten hohe Kosten verursacht“, erläutert Brauer, „zum anderen war es uns wichtig, dass die Wertschöpfung vor Ort erzielt wird.“ Durch Zufall stießen sie im Osten Simbabwes auf einen deutschen Fotovoltaik-Händler, der ihnen acht 50-Watt-Panels mit zwei Batterien für Shingirirai und sechs 130-Watt-Panels mit drei Batterien für Glen Forest verkaufte. Zudem sagte er ihnen seine Unterstützung zu, sollte es einmal technische Probleme geben. „Die Panels funktionieren praktisch genauso wie die, die in Deutschland verwendet werden“, so Brauer, „nur dass die Energie ausschließlich für den Eigenverbrauch erzeugt und nicht ins Netz eingespeist wird.“ Die installierten Anlagen sind daher mit Ladereglern ausgestattet, die die Speicherung des Stroms regeln und mit Wechselrichtern, die ihn bei Bedarf verfügbar machen.

Als die Gruppe im Frühjahr mit reichlich Werkzeug bepackt in Harare eintraf, erwartete sie zunächst eine ungeplante Herausforderung: Aus der Not heraus hatten die Einheimischen kurz zuvor eine von Nachbarn gestiftete Wasserpumpe eingebaut, die allerdings für die geplante Solarstrom-Notversorgung eine viel zu starke Leistung und damit einen zu hohen Stromverbrauch hatte. „Wir brauchten eine Tauchpumpe mit relativ niedriger Leistung, die angesichts der Brunnentiefe von 40 Metern zugleich eine hohe Förderhöhe haben musste“, erläutert Brauer, der die Projektverantwortung innehatte. Das Gerät wurde wieder ausgebaut und in der benachbarten Krankenstation installiert, wodurch der Zeitplan gehörig durcheinandergeriet. In Glen Forest seilten die Experten anschließend die in Simbabwe gekaufte und zu den speziellen Anforderungen passende 370-Watt-Pumpe in das Brunnenloch ab. Die neue Anlage kann innerhalb von fünf Stunden den vorhandenen 5.000 Liter fassenden Wassertank füllen – dank des Anschlusses an das Back-up-System auch bei Stromausfällen. Um einen erneuten Diebstahl zu verhindern, wurde das Brunnenhäuschen entsprechend gesichert.

 

Meister im improvisieren: Die African Ladder

Bei angenehmen 20 bis 25 Grad Celsius – in Simbabwe setzte gerade der Winter ein – widmete sich das Team mit tatkräftiger Unterstützung einheimischer Handwerker der nächsten Aufgabe: der Installation der Solaranlagen auf den Dächern der beiden Einrichtungen. Die Kommunikation klappte reibungslos, da Englisch Amtssprache in Simbabwe ist. Weniger störungsfrei gestaltete sich hingegen die Stromversorgung – immer wieder behinderten Stromausfälle die Arbeiten. Um die vor Ort ausgeliehenen Bohrmaschinen und Schweißgeräte nutzen zu können, wurden daher Generatoren besorgt. Auch für fehlende Leitern wurde eine Lösung gefunden: übereinandergestapelte Tische und Stühle, die sogenannte African Ladder. Für eine optimale Energieausbeute der Solaranlagen hatten die Fachleute mit Blick auf den Winkel der Sonneneinstrahlung darauf zu achten, dass die Solarpanels in einem Neigungswinkel von etwa 18 Grad angebracht wurden. Während in Glen Forest die Dachfläche schon nahezu perfekt ausgerichtet war, musste für Shingirirai zunächst eine Aufständerung angefertigt werden. „Sobald uns hierfür auch nur ein paar Schrauben fehlten, ging angesichts der schlechten Straßenverhältnisse gleich ein halber Nachmittag für den nötigen Einkauf verloren“, blickt Brauer zurück. Zusätzliche Zeitverluste ergaben sich dadurch, dass die Rahmen für die Panels mehrfach falsch geliefert wurden.

Trotz der Widrigkeiten schaffte die Gruppe, zu der neben Brauer und Nuber auch Jonas Koch und Philipp Leube gehörten, alles, was sie sich für die fünf Wochen vorgenommen hatte. Damit die Menschen in Shingirirai und Glen Forest einen dauerhaften Vorteil haben, sollen sie selbst für den Fortbestand der Anlagen sorgen: Das beinhaltet sowohl die Pflege und Wartung als auch den Ersatz von Verschleißteilen. Die Gäste aus Deutschland haben dafür Schulungen veranstaltet und eigens angefertigte Handbücher zurückgelassen. Die Finanzierung der später benötigten Ersatzteile wollen die beiden Einrichtungen unter anderem durch Computerdienstleistungen oder durch die Vermietung von aufladbaren Lampen sichern. „Unser Begriff von Nachhaltigkeit umfasst technische, wirtschaftliche, sozialpolitische und ökologische Aspekte“, erläutert Brauer. Doch auch für ihn selbst sei der Aufenthalt in Simbabwe sehr wertvoll gewesen: „Wir sind extrem freundschaftlich aufgenommen worden, haben super mit den Menschen dort zusammengearbeitet und viel gelacht – das war eine unheimlich tolle Erfahrung.“

Text: Anne-Katrin Wehrmann

INFO

Der 2003 gegründete Verein Ingenieure ohne Grenzen ist eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die ingenieurtechnische Hilfsprojekte in Entwicklungsländern plant und durchführt. Darüber hinaus unterstützt sie andere Organisationen sowie Bedürftige durch Wissenstransfer. Zu den Vereinsmitgliedern gehören sowohl aktive Ingenieure und Studenten des Ingenieurwesens als auch Unterstützer und Sponsoren.