Big in Japan

Big in Japan

Montag, 12. November 2018

Während der Taifun-Saison ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem, in der Trockenzeit eine Touristenattraktion: Shutoken Gaikaku Hōsuiro in Tokio. Das im Volksmund Drachenfluss genannte Bauwerk ist nicht nur das weltweit größte seiner Art, sondern auch ein wahres Erfolgsprojekt der Ingenieurskunst.

Durchschnittlich zehn Taifune suchen Japan jährlich von Frühsommer bis Herbst heim. Eine enorme Herausforderung insbesondere für Tokio – mit 38 Mio. Menschen der größte Ballungsraum der Erde. Denn die Überschwemmungen von gleich drei stadteinwärts strömenden Flüssen fluten gepaart mit heftigen Niederschlägen nicht nur die Straßen und U-Bahn-Stationen. Sie sind auch ein zusätzlicher Risikofaktor, da die dicht besiedelte Megacity angesichts weiteren Wachstums notgedrungen sogar Einkaufszentren und vieles mehr unter die Oberfläche verlagert.

Aus genau dieser Platznot machten Ingenieure ab 1993 eine Tugend: Innerhalb von 15 Jahren schufen sie in rund 50 m Tiefe ein einzigartiges Bauwerk. Shutoken Gaikaku Hōsuiro bedeutet ins Deutsche übersetzt in etwa „äußerer Entwässerungskanal für das Hauptstadtgebiet“. Die Einheimischen nennen das Betonbollwerk hingegen meist G-Cans oder betiteln es mit Blick auf die schieren Dimensionen auch voller Bewunderung als Drachenfluss. Ein Spitzname, der berechtigt erscheint: In fünf jeweils 32 m breiten und 65 m hohen Kavernen sammelt sich zunächst das Wasser, das über weit verzweigte Tunnel in eine gewaltige Halle von 177 × 78 × 25 m gelenkt wird. Liegend würden hier fast zwei Freiheitsstatuen in Reihe hineinpassen. 59 massive Stützpfeiler mit einem Einzelgewicht von 500 t tragen die Betondecke und erinnern an Säulen in einem Kirchenschiff, weshalb die Halle auch als Wasserkathedrale bezeichnet wird. Aufgrund ihrer mystischen Atmosphäre diente sie bereits als Filmdrehort und ist beliebtes Fotomotiv von Besuchern, die das 2,3 Mrd. € umfassende Projekt in den taifunarmen Monaten kostenfrei von innen bestaunen können.

Kathedrale

In dieser Zeit stehen die der Kathedrale nachgelagerten gasbetriebenen Pumpen still. Ihre Aufgabe besteht in der Überführung der Wassermengen in einen Fluss, der südöstlich der Stadt ins Meer fließt. Hierfür wurden sie mit modifzierten Flugzeugtriebwerken einer Boeing 737 und einer Leistung von 14.000 PS ausgerüstet. So transportieren die vier Pumpen bis zu 200 m3 Wasser pro Sekunde – ein olympisches LangbahnSchwimmbecken wäre in rund 15 Sekunden trockengelegt. Überwacht werden all diese Vorgänge von Mitarbeitern in einem Kontrollzentrum, das mit seiner Vielzahl an Monitoren und Displays an die Kommandozentrale eines Kernkraftwerkes oder die Brücke eines Containerschiffes erinnert. Doch all dieser Aufwand lohnt sich: Mehr als 60 Mal kam der Drachenfluss seit 2008 bereits zum Einsatz und rettete damit effektiv Menschenleben. Die überfluteten Flächen konnten um beachtliche 80 % reduziert werden.

Text: Bastian Korte