Land in Sicht

Freitag, 9. November 2018

Von Jahrhundert zu Jahrhundert wurden die Nordsee größer und die Niederlande kleiner. Doch die Menschen fanden kein Mittel gegen die Macht des Meeres. Erst mit dem Wasserbauingenieur Dr. Cornelis Lely änderte sich dies. Der Amsterdamer stellte sich den Gesetzen der Naturgewalt sowie Kritikern entgegen und avancierte zum Pionier des größten Landgewinnungsprojektes der Geschichte.

Schon im 17. Jahrhundert waren Kon zepte zur Trockenlegung der Zuiderzee, der 5.000 m2 großen niederländischen „Südsee“, ausgearbeitet worden. Doch die Pläne moderten in Schubladen, weil sie als technisch undurchführbar galten. Derweil eroberte eine Sturmflut nach der anderen das weitgehend ungeschützte Land rings um die Zuiderzee, jene 100 Kilometer tiefe Ausbuchtung zwischen Nordholland und Friesland, die im Südwesten Amsterdam berührte.

Cornelis Lely 1899

Hier wurde 1854 Cornelis Lely als siebtes von neun Kindern geboren. Im gleichen Jahr begann das erste große Landgewinnungsprojekt der Moderne: die Trockenlegung des 17.000 ha großen Haarlemmermeers. Dieser zeitliche Zufall und Lelys Vater, der als Getreidehändler viel unterwegs war und seine Kinder mitnahm zu „Orten, wo etwas entsteht“, waren prägend für Lelys Leben: Den liberalen Geist von Veränderung und Erneuerung, der in seiner Kindheit herrschte, sog er tief in sich auf.

1930

Motiviert durch Cornelis Lely erwägen englische Ingenieure die Trockenlegung der Nordsee, um das Vereinigte Königreich mit Dänemark zu verbinden. Sie errechneten, dass die Wiederherstellung des Eiszeitzustandes einen Landgewinn der 86-fachen Fläche der Zuiderzee hätte. Die Politik sieht im Verschmelzen eigenständiger Nationalstaaten jedoch keinen Gewinn und das Projekt kommt über die Idee nicht hinaus.

1960

Singapur hatte ursprünglich eine Staatsfläche von 581 km². Seit den 1960er-Jahren wird diese Fläche durch Trockenlegung stetig vergrößert. Bis 2030 will der Stadtstaat dem Meer 800 km² abgerungen haben.

2001

In Dubai wird mit dem Ausbau mehrerer Inseln zu den Palm Islands begonnen. Die Hauptinsel, eine plakative Palme, hat eine Größe von 560 ha. Zeitweise sind bis zu 40.000 Arbeiter täglich am Projekt beteiligt, um die Küstenlinie Dubais um 100 km zu verlängern. Nach sieben Jahren wird die Fertigstellung gefeiert.

Bis 2005

Gerade einmal 2 km² beträgt die Größe Monacos. Obwohl kaum noch Baulücken existieren, erfreut sich der zweitkleinste Staat der Welt nach wie vor enormer Nachfrage hinsichtlich Wohnraum. Deshalb soll das Fürstentum um 6 ha - etwa 14 Fußballfelder - ins Mittelmeer wachsen. Das neue Quartier wird auf einer künstlichen Halbinsel Luxuswohnungen, einen Hafen, eine Küstenpromenade sowie eine Erweiterung des Kongresszentrums Grimaldi Forum ermöglichen. Der Fokus der 2017 begonnenen Arbeiten liegt dabei auf einer umweltschonenden Bauweise.

Schon als junger Ingenieur legte Cornelis Lely mit der Verbindung zu Johannes Tak van Poortvliet, dem amtierenden Minister für Wasserwirtschaft, einen wichtigen Grundstein für sein Landgewinnungsprojekt, indem er für van Poortvliet ein Konzept ausarbeitete, das die Modernisierung des niederländischen Kanalnetzes erwirken sollte. Angetan von dessen Ideen holte van Poortvliet Lely 1891 als Wasserbauminister erstmalig in die Regierung. Zuvor war der mittlerweile fünffache Vater in den neu gegründeten Zuiderzeeverein eingetreten, der auf seine Empfehlung hin seinen ehemaligen Hochschullehrer Aan van der Toorn zum Vorsitzenden machte. Dieser präsentierte einen Plan für die Verbindung der der Zuiderzee vorgelagerten Inseln Texel, Vlieland, Terschelling und Ameland zu einem gewaltigen Stauwerk. Über dieses Konzept gab es allerdings eine so heftige Kontroverse, dass van der Toorn zurücktrat und Cornelis Lely 1887 den Vorsitz des Vereins übernahm. In seiner neuen Funktion überarbeitete er den Plan.

Insgesamt entwarf er bis zu seinem Eintritt in die Regierung acht Fassungen, deren letzte allerdings erst ab 1916 zum Gesetz werden sollte. Im Kern wurde darin aus dem ursprünglich angedachten rund 80 km langen Inseldeich mit 32 km ein kurzer: „Der Deich muss so kurz wie möglich sein“, hatte Cornelis Lely errechnet, weil die Widerstandskraft so bedeutend größer sei. Allerdings wurde der Bau des Deichs – obwohl technisch überzeugend – durch den Widerstand des Amsterdamer Seehandels und der Fischer der Zuiderzee weiter verzögert: Sie fürchteten um ihre Existenz und auch die Landwirte entlang des Binnenmeeres meuterten. Denn ihnen oblag traditionell der privat organisierte Bau und die Pflege der Deiche. Die staatlich angedachte Trockenlegung der Zuiderzee widerstrebte ihnen daher zutiefst. Lely warb zwar weiterhin für seinen Deich, widmete sich jedoch vor allem in seiner zweiten Amtsperiode ab 1897, in der er zusätzlich Arbeitsminister war, auch anderen Themen: Er setzte sich für das allgemeine Wahlrecht und für eine Unfallversicherung gegen die Interessen der Arbeitgeber ein. Neben der Autorität des Amtes verliehen ihm und damit auch seinen Plänen nun vor allem seine Beliebtheit, seine Liberalität, seine Einfachheit und Rechtschaffenheit großes Gewicht.

Doch den entscheidenden Ausschlag, die Zuiderzee im größten Landgewinnungsprojekt der Geschichte trockenzulegen, gab eine Sturmflut vom 13. auf den 14. Januar 1916. Wieder einmal hatte sich das Binnenmeer wie ein Ballon gefüllt. Deiche brachen, Orte und Landschaft wurden meterhoch überspült, Menschen und Vieh kamen um. Zwar war es nicht die schlimmste Sturmflut, die die Region nordöstlich von Amsterdam in ihrer Geschichte erlebte. Die Folgen aber waren katastrophal: Mitten im Ersten  Weltkrieg war Nahrung knapper denn je. Die Flutung der wertvollen Ackerböden wirkte sich noch Monate später in den gesamten Niederlanden mit einer spürbaren Verknappung der Lebensmittel bis zum Rande einer Hungersnot aus.

Schutz durch dreiteilige Baustruktur

Cornelis Lely, durch die erneute Wahl einer liberalen Regierung zum dritten Mal Minister, handelte – und die Königin unterschrieb das Gesetz. Aufgrund der Nachkriegswirren, die auch die Niederlande betrafen, verzögerte sich der Bau zwar weitere elf Jahre, aber 1927 wurde sein Plan schließlich umgesetzt. Lely, mittlerweile 73 Jahre alt, diente dem Projekt als Vorsitzender im zentralen Beratungsorgan und blieb maßgeblich an den Planungen beteiligt. Von den Küstenrändern und zwei künstlich errichteten Arbeitsinseln aus wurde der 32 km lange Deich gleichzeitig von außen nach innen und von innen nach außen vorangetrieben. Eine dreiteilige Baustruktur sollte bei einer Breite von 90 m und einer Höhe von 7,25 m über Wasser für alle Zeiten Sturmfluten an der 25%igen Seitenneigung zerschellen lassen. Zwei parallele Dämme aus besonders widerstandsfähigem Geschiebelehm bildeten dazu die seitlichen Dammfüße. Dazwischen wurde Sand ein- und aufgebaut, der mit Basaltsteinen und Matten aus Weidenruten verstärkt wurde. Eine Schicht mit Tonerde bildete schließlich den äußeren Abschluss, auf dem Gras gesät wurde.

Die gigantischen Bauarbeiten verliefen komplikationslos und sogar schneller, als ursprünglich erwartet. Doch drei Jahre bevor der Abschlussdeich geschlossen wurde, 1929, verstarb Cornelis Lely. Genau an dieser Stelle ehrt ihn heute ein Denkmal. Landeinwärts verwandelte sich die Zuiderzee in das IJsselmeer mit der neu entstandenen Provinz Flevoland. Eine weiße Lilie aus dem Familienwappen von Cornelis Lely in der Fahne Flevolands erinnert ebenso an ihn wie die Provinzhauptstadt Lelystad. Als Ingenieur und Staatsmann wird Lely bis heute in den Niederlanden verehrt. Zu Lebzeiten war er unter anderem Mitglied der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Technischen Universität Delft und Gouverneur der Überseeprovinz Surinam. In Deutschland erinnert der 1952 eröffnete AmsterdamRhein-Kanal indirekt an ihn. Denn schon in seinen ersten Ingenieursjahren dachte Lely über dieses Projekt nach. Als er starb, hielt er eine Projektskizze des Kanals als letzte Lektüre in seinen Händen.

Text: Gerrit Reichert
Fotografie Copyrights: Zuiderzeemuseum (Header), The Picture Art Collection / Alamy Stock Photo (Intext)