Stadtverkehr in der Luft

Auf der Überholspur

Donnerstag, 13. Juni 2019

Verstopfte Straßen und überfüllte öffentliche Verkehrsmittel gehören für viele Berufspendler zum Alltag. Angesichts weiter wachsender Städte braucht es neue Mobilitätskonzepte, nicht zuletzt um Emissionen und Zeitverlusten entgegenzuwirken. Mutige Start-ups und schlaue Köpfe arbeiten weltweit an innovativen Lösungen für den Verkehr von morgen: auf der Straße, in der Luft und unter der Erde.

Die Luft ist zum Schneiden dick, das Atmen fällt schwer. Mexico City gilt als Hauptstadt des Staus: Auf die mehr als 20 Mio. Menschen in der Metropole kommen rund 5 Mio. gemeldete Fahrzeuge, Autofahrer sind dort mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich nur 6 km/h unterwegs. Der dreistündige Arbeitsweg mancher Pendler in Mexikos Hauptstadt ist zwar ein extremes Beispiel, doch auch in vielen anderen Städten der Welt hat sich die Verkehrsproblematik längst zu einer der größten Herausforderungen entwickelt. So stehen deutsche Autofahrer im Schnitt 38 Stunden pro Jahr im Stau, in München waren es 2017 gar 51 Stunden. Und die Ballungszentren wachsen weiter: Schon heute leben 55 % der Weltbevölkerung in Städten, bis 2050 sollen es laut Vereinten Nationen 68 % sein. Vor diesem Hintergrund braucht es smarte Mobilitätskonzepte – um den Verkehr in den Griff zu bekommen, aber auch, um die Auswirkungen auf Umwelt und Anwohner so gering wie möglich zu halten.

Eine der aktuell viel diskutierten Ideen ist es, einen Teil des Stadtverkehrs in die Luft zu bringen. Mehrere Dutzend Unternehmen aus aller Welt arbeiten an diversen Arten von „Flugtaxis“. Ganz vorn mit dabei ist Alexander Zosel mit seinem Unternehmen Volocopter, das den nach eigenen Angaben ersten bemannten vollelektrischen Senkrechtstarter der Welt entwickelt hat. Welches Potenzial in der Erfndung steckt, erfuhr Mitgründer Zosel während eines Urlaubs in Nepal, kurz nachdem Testflieger Thomas Senkel 2011 vor den Augen von Ideengeber Stephan Wolf im heimischen Bruchsal bei Karlsruhe zum ersten Mal in die Luft gegangen war. Das Video von dem Fluggerät, das damals zur weicheren Landung auf einem Gymnastikball installiert war, ging viral. Zosel musste aufgrund der überwältigenden Medienresonanz seinen Urlaub abbrechen.

Seither ist aus einem kleinen Start-up ein Unternehmen mit 130 Mitarbeitern geworden, das weltweit für Aufsehen sorgt. Ob beim ersten öffentlichen autonomen Flug über einer Großstadt des Emirats Dubai im September 2017 oder ein paar Monate später indoor bei der Elektronikmesse CES in Las Vegas – der Volocopter beeindruckt mit stabilen Flugeigenschaften und geringer Lautstärke. Mittlerweile haben nicht nur internationale Player wie Intel und Daimler in das Unternehmen investiert. Auch die ADAC Luftrettung hat für dieses Jahr Testflüge angekündigt, um Notärzte künftig schneller zu ihren Patienten bringen zu können. Zudem plant nun auch Singapur Praxistests mit dem innovativen Fluggerät, das sowohl mit Piloten als auch autonom oder ferngesteuert nutzbar ist.

Internationale Zulassung in zwei Jahren

Optisch erinnert der in Leichtbauweise aus Faserverbundwerkstoffen gefertigte Volocopter an eine riesige, mit zwei Sitzen ausgestattete Drohne. Neun unabhängige Akkus versorgen die Elektromotoren der 18 Antriebseinheiten, wobei die durchgängig redundante Auslegung laut Zosel für einen hohen Grad an Sicherheit sorgt. Die Rotoren sind mit jeweils zwei fest stehenden Blättern ausgestattet, die anders als beim Hubschrauber nicht verstellbar sind. Die Größe der erzeugten Schubkraft wird daher einzig durch die Drehzahlen der einzelnen Rotoren bestimmt. Vom aktuellen Modell haben die Tüftler bereits eine Kleinserie gebaut, die für unterschiedliche Einsatzzwecke getestet wird. „Unser Ziel ist es, in zwei Jahren mit einem neuen Modell auf den Markt zu gehen, das dann auch alle nötigen internationalen Zulassungen hat“, erläutert der 53-Jährige. Derzeit fliegt der Volocopter mit einer vorläufgen Zulassung als Ultraleicht-Luftfahrtgerät, die die deutschen Behörden im Rahmen eines Erprobungsprogramms erteilt haben.

O`Hare Airport Station

Zosel und seine Mitstreiter wollen ihre Lufttaxis nicht nur bauen, sondern auch betreiben. „Mit der aktuellen Technik können unsere Fluggeräte eine halbe Stunde in der Luft sein und knapp 30 km weit fliegen“, berichtet er. „Das ist für den Innenstadtverkehr ein idealer Anfang.“ Seine Vision ist es, flächendeckende Netzwerke aufzubauen, die aus Volo-Hubs und Volo-Ports bestehen. An den Hubs können demnach alle 30 Sekunden Volocopter landen und starten. Nach der Landung werden sie ins Innere befördert, wo die Passagiere aussteigen und Roboter automatisch die Akkus wechseln. Die einem Heliport ähnelnden VoloPorts sollen diese Infrastruktur erweitern, indem sie direkten Zugang beispielsweise zu Hotels, Bahnhöfen oder Unternehmen bieten. „Wir gehen davon aus, dass wir schon ab der ersten Punkt-zuPunkt-Verbindung zusätzliche Mobilität für täglich bis zu 10.000 Passagiere bieten können“, macht Zosel deutlich. Mit Dutzenden Hubs und Ports in einer Stadt seien bis zu 100.000 Passagiere pro Stunde denkbar. Der Unternehmer ist überzeugt: „In zehn Jahren wird das Realität sein.“

Von der Luft  unter die Erde

An einem gänzlich anderen Transportvorhaben arbeitet der Unternehmer und Investor Elon Musk, bekannt unter anderem als Chef des Elektroautoherstellers Tesla und des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX. Mit seiner Firma The Boring Company will der 47-Jährige nun auch Tunnelsysteme bauen, die aus jeweils zwei Röhren – eine für jede Richtung – bestehen: In ihnen sollen Menschen schneller als mit der U-Bahn und günstiger als mit dem Taxi von A nach B befördert werden. Bei der Eröffnung eines ersten Testtunnels in Los Angeles im Dezember 2018 waren die Gäste noch mit einem umgebauten Tesla Model X in der 1,8 km langen Röhre unterwegs. Wenn in einigen Jahren wie geplant mit dem Chicago Express Loop das erste kommerzielle Großprojekt in Betrieb geht, sollen jeweils bis zu 16 Passagiere in autonomen Kabinen mit bis zu 240 km/h vom Flughafen O’Hare in die Innenstadt von Chicago und zurück sausen. Auch diese sogenannten Electric Skates basieren auf dem Chassis eines modifzierten Tesla Model X und sollen für die knapp 30 km lange Strecke nicht länger als 12 Minuten benötigen.

Die Stadt Chicago hatte eine ExpressAnbindung zwischen City und Flughafen ausgeschrieben und vorigen Juni der Boring Company den Zuschlag erteilt. Der Vorschlag des letzten verbliebenen Mitbewerbers, einen schnellen Bahnverkehr mit konventionellen Schienenfahrzeugen umzusetzen, war den Verantwortlichen jedoch nicht innovativ genug. Bei erfolgreichem Abschluss der Detailverhandlungen* über die konkrete Ausgestaltung des Projekts und zügig vorliegenden Genehmigungen ist vorgesehen, dass die Bauarbeiten noch in diesem Jahr beginnen und bis 2022 abgeschlossen sind. Geplant ist eine rein private Finanzierung, was Insider angesichts erwarteter Baukosten von bis zu einer Milliarde US-Dollar für ambitioniert halten. Würden die kleinen Elektrobusse tatsächlich wie geplant an jedem Wochentag 20 Stunden im Einsatz sein und an den Haltestellen zweimal pro Minute abfahren, ließen sich bei voller Auslastung rein rechnerisch in jede Richtung gut 38.000 Fahrgäste pro Tag befördern.

Dafür hat The Boring Company nach eigenen Angaben ein Verfahren entwickelt, Tunnel dank eines verringerten Durchmessers und einer innovativen Bohrmethode deutlich schneller und günstiger fertigstellen zu können als bisher üblich. Experten sehen hier allerdings noch viele offene Fragen – zum Beispiel die, wie sich bei hohen Bohrgeschwindigkeiten der Boden beherrschen lassen soll, was gerade in bewohnten Gebieten von entscheidender Bedeutung ist. Doch kritische Stimmen haben den Macher Elon Musk noch nie abgeschreckt, der endlich eine Lösung liefern möchte für das „verdammte Verkehrsproblem“, wie er bei der Eröffnung des Testtunnels in L. A. sagte.

Ein einzelnes Konzept wird die überfüllten urbanen Räume jedoch sicher kaum entlasten können. Mit Blick auf die vielen unterschiedlichen Lösungsansätze, die derzeit rund um den Globus zu beobachten sind, dürfte Volocopter-Chef Alexander Zosel recht behalten, wenn er sagt: „Im Mobilitätsbereich wird es künftig einen Mix aus verschiedenen neuen Systemen geben. Lufttaxis werden ein weiterer Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs sein.“ Vieles von dem, was aktuell entwickelt wird, muss zwar seine Praxistauglichkeit erst noch beweisen. Zumindest einige Ideen haben aber das Potenzial, sich früher oder später am Markt zu behaupten. Und deutsche Unternehmen sind mittendrin. Nachdem die hiesige Autoindustrie den Start ins Zeitalter der Elektromobilität zunächst noch etwas träge verfolgt hatte, machen sich jetzt überall im Land kleine und große Firmen auf den Weg, den Verkehr von morgen aktiv zu gestalten.


Text: Anne-Kathrin Wehrmann

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