Ein Maschinist als Seenotretter

Mittwoch, 28. August 2019

Von der Flut überraschte Wattwanderer, in Seenot geratene Segler oder ein havariertes Tankschiff: Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) befreite seit ihrer Gründung im Jahr 1865 rund 85.000 Menschen aus brenzligen Situationen. Einer von 180 Festangestellten ist der Maschinist Wilm Willms, der in 14-Tages-Schichten und stets einsatzbereit an Bord lebt. 

„Gut festhalten und auf den Kopf achten!“, warnt Wilm Willms und verschwindet die blitzblanken, steilen Leiterstufen hinunter in den Maschinenraum des Seenotrettungskreuzers namens Hermann Rudolf Meyer. Während draußen im Alten Hafen von Bremerhaven Minusgrade herrschen, ist es im rund 48 qm2 großen, knapp 2 m hohen Maschinenraum recht heimelig. Die drei Gänge zwischen den Maschinen sind schmal, aber gut ausgeleuchtet, es ist knapp 22 °C warm. Kein Wunder: Um die zwei Achtzylinder-V-Motoren einsatzbereit für den Ernstfall zu halten, werden sie stets auf 40 °C vorgewärmt. Im Radio läuft ein Oldie. „Bei der Arbeit möchte ich es doch nett haben“, ruft der 53-Jährige über das Geräusch der Lüftung hinweg und grinst. „Sobald wir fahren und die beiden 1.350-PS-Motoren laufen, geht es hier nicht ohne Gehörschutz. Dann liegt der Lärmpegel bei 120 Dezibel.“ Doch bei Einsätzen ist der geschulte Rettungsbootfahrer sowieso eher im Überlebensanzug an Deck zu finden. „Während ich mich um in Not geratene Personen kümmere, wird hier alles sensorisch überwacht. Unregelmäßigkeiten lösen einen Alarm aus und werden auf dem Alarmtableau lokalisiert.“ Willms deutet auf einen Bildschirm an der etwa 3 m langen Hauptschalttafel: „Den gibt es auch auf der Brücke.“ Die Kontrollmechanismen geben dem Team die im Einsatz unerlässliche Sicherheit und Ruhe.

Schiff auf dem Meer
Foto: Thomas Steuer

Der Sohn eines Schiffbauingenieurs sowie Neffe eines Kapitäns verbrachte die Kindheit auf Spiekeroog, ist gelernter Maschinenbauer und begann 2005 als einer von rund 800 freiwilligen Seenotrettern. „Wer an der Küste lebt, kennt ,die Gesellschaft’, wie die DGzRS bei uns heißt. Weil ich mit dem ersten Maschinisten in Bremerhaven bekannt war, nahm ich an einer Sicherheitsübung teil.“ Drei Jahre später folgte die Festanstellung. Wilm Willms kümmert sich seither nicht nur um die Schiffstechnik, sondern ist Rettungssanitäter und Experte in fortschrittlicher Brandbekämpfung. Zudem betreut er die medizinische Ausrüstung des Kreuzers, die in etwa der eines Rettungswagens entspricht.

Die DGzRS in Bremerhaven ist eine von 55 Stationen an der deutschen Nord- und Ostseeküste, die allesamt ausschließlich über freiwillige Zuwendungen finanziert werden. 2018 waren die Seenotretter insgesamt mehr als 2.150 Mal im Einsatz und retteten rund 360 Menschen aus Seenot oder befreiten sie aus Gefahr. „Abgesehen von den Kontrollfahrten, geht es im Sommer hier bei uns im Schnitt etwa ein bis drei Mal pro Woche raus, im Winter seltener.“ Zuständig ist das Stationsteam für ein Seegebiet von rund 2.000 km2 auf Weser und Außenweser. Täglich nimmt die Rettungsleitstelle See der DGzRS in Bremen Kontakt zur Besatzung auf, um zu prüfen, ob die Kommunikationsleitungen funktionieren. „Neben Festnetz, Mobil- und UKW-Funk arbeiten wir wie Polizei und Co. auch mit BOS-Funk sowie Grenzwelle“, erläutert Willms. Gerade ist alles ruhig, also hat er Zeit, weiter durch den Bauch des Schiffes zu führen. Auffällig ist die extreme Sauberkeit der technischen Anlagen. „Für uns ist das eine Frage der Betriebssicherheit. Der Top-Zustand aller Räume und Geräte gehört zu den Selbstverständlichkeiten an Bord“, betont er. Wenn es bei Maschinen und Ausrüstung kleine Problemfälle gibt, kann die Crew sie kurzfristig und eigenständig lösen. Größere Ersatzteile kommen per Botenlieferung aus der eigenen Werft in Bremen.

Wilm Willms
Wilm Willms (53) 

Pro 14-Tages-Schicht befindet sich ein vierköpfiges Team mit zwei Technikern und zwei Nautikern rund um die Uhr in Bereitschaft. Nach dem Rotationsprinzip folgt danach ein Wechsel der Besatzung. „Das hier ist meine Zweitfamilie“, unterstreicht Willms, der zu Beginn seiner Karriere monatelang auf Containerschiffen unterwegs war und als ehemaliger Selbstständiger lange Arbeitszeiten gewohnt ist. „Unser Leben an Bord ist vom gemeinsamen Frühstück um 7:30 Uhr bis zum offiziellen Arbeitsende gegen 18 Uhr durch viele Wartungsarbeiten und feste Aufgaben relativ strukturiert – vorausgesetzt, es kommt nichts dazwischen.“ Denn sobald es ernst wird, muss es schnell gehen.Bei größeren Einsätzen ist die Kooperation mit anderen DGzRS-Einheiten oder externen Helfern wie den Bereitschaftsnotärzten der Feuerwehr üblich. „2018 hatten wir zwei medizinische Einsätze: einen Seemann, der bei einem Kranunfall ein Polytrauma erlitt, sowie eine weitere Person, die nach einem schweren Sturz stabilisiert und transportiert werden musste. Die Bergung per Drehleiter vom Schiff an Land funktionierte perfekt. Optimale Zusammenarbeit wie diese erfüllt mich mit einem gewissen Stolz.“

Voraussetzung für solch erfolgreiche Einsätze ist neben permanenter Weiterbildung und regelmäßigem Training die technische Ausstattung. „Natürlich ist ein Schiff immer ein Kompromiss, ein optimaler Mix aus Leichtigkeit, Stabilität und robuster, kaum störungsanfälliger Technik“, sagt Willms. Alle Seenotrettungskreuzer und -boote werden in norddeutschen Spezialschiffswerften als Selbstaufrichter in Netzspantenbauweise als Aluminiumkonstruktion hergestellt. Spätestens alle dreieinhalb Jahre erfolgt eine Generalüberholung. „Die Schiffe haben sich in aufgewühlter See mit meterhohen Wellen bewährt, sind aber auch perfekt für den Einsatz in engen, flachen Gewässern.“ Die über 23 m lange Hermann Rudolf Meyer schafft bis zu 23 Knoten, etwa 42 km/h. Das kleinere, noch wendigere Tochterboot Christian wird genutzt, wenn der Kreuzer aufgrund seiner Größe ineffektiv ist. Etwa bei Schiffbrüchigen, die dank der niedrigen Bergepforte direkt vom Wasser ins Trockene geholt werden können.

Jenseits dieser Einsätze bleibt der Crew nach Feierabend und bis zur Schlafenszeit gegen 22:30 Uhr noch Luft für die individuelle Freizeitgestaltung. Allerdings sind Joggingrunden im Hafen, Spaziergänge und der tägliche Einkauf die einzigen Gelegenheiten, um den Rettungskreuzer während der Schicht zu verlassen. „Mindestens einer von uns bleibt immer an Bord, die Übrigen müssen innerhalb von drei, vier Minuten zurück und einsatzbereit sein“, so Willms. „Seenotretter ist ein absoluter Traumjob, sonst würde ich es nicht machen.“ Das Erfolgsgeheimnis sei die gute Ausbildung, die Vermeidung unkalkulierbarer Risiken sowie der nötige Respekt vor Technik und Naturgewalten. „Auch bei schwerstem Sturm rauszufahren, ist unsere freiwillige Entscheidung. Aber wir versuchen immer das Menschenmögliche. Und ein Quäntchen Glück gehört auch dazu.“

Text: Kerstin Radtke

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