Die Pionierin des Programmierens

Mittwoch, 11. September 2019

Von der mathematisch begabten Farmerstochter zur IT-Pionierin: Jean Jennings Bartik prägte mit ihren Berechnungen den heutigen Computerbegriff und gilt neben fünf weiteren Frauen als Wegbereiterin der modernen Software-Entwicklung. Obwohl sie Großes für die Branche leistete, erfuhr sie erst 50 Jahre nach ihrer bahnbrechenden Arbeit die verdiente Anerkennung.

Inmitten des u-förmig angeordneten Technikkolosses stehen Jean Jennings Bartikund ihr Team vor 17.468 Elektronenröhren, 6.000 Handschaltern und unzähligen Steckverbindungen sowie Kabeln. Die Expertinnen wissen in dem unübersichtlichen Wirrwarr ganz genau, was sie tun. Ihr letzter Handgriff an diesem 15. Februar 1946 erfolgt kurz bevor das Vorzeigeprojekt ENIAC als erster vollelektronischer Universalrechner der Welt präsentiert wird. „Er wirkte wie ein raumhohes Science-Fiction-Möbelstück“, erinnert sich Jean Jennings Bartik in ihrer Autobiografe. Der Electronical Numerical Integrator and Computer (ENIAC) nimmt mehr als 80 m2 ein und wirkt wie ein überdimensionaler Schaltplan. An den Wänden und auf variablen Rollelementen sind 30 t Material verbaut. Der Betrieb erfordert 150 kW Elektrizität und ermöglicht 5.000 Rechenoperationen pro Sekunde – 1.000 Mal mehr als die damals üblichen mechanischen Verfahren. ENIAC hatte ein spezielles Einsatzgebiet: ballistische Berechnungen für die US-Armee im Zweiten Weltkrieg. Bis Konstruktion und Programmierung abgeschlossen waren, herrschte zwar Frieden, doch der Rechner war die Grundlage moderner Computertechnologie – nicht zuletzt dank der akribischen Arbeit von Jean Jennings Bartik, die den Erfolg vor allem ihrem Durchhaltevermögen zuschreibt.

Das 1924 geborene sechste von sieben Farmerskindern ist früh daran gewöhnt, Aufgaben anzupacken und zu Ende zu bringen. Das Mathematiktalent hat einige Lehrer im Stammbaum, auch der Vater unterrichtet, bevor er sich für das Landleben entscheidet. Zunächst scheint Elizabeth „Betty“ Jean Jennings denselben Karriereweg einzuschlagen. Doch sie hat größere Träume. Als sie im Januar 1945 im Alter von 20 Jahren als einzige Frau während des Krieges ihren Abschluss am Northwest Missouri State Teachers College im Hauptfach Mathematik macht, stößt sie auf eine Stellenanzeige des Ballistics Research Laboratory in Philadelphia. Gesucht werden Computer für ein Geheimprojekt der U.S. Army. Damals sind damit keine Maschinen gemeint, sondern Menschen, die per Hand wiederkehrende Zahlenreihen berechneten (to compute). Ein typischer Beruf für Frauen, was nicht allein am kriegsbedingten Arbeitskräftemangel liegt: Denn sie sind bereit, anspruchsvolle, aber wenig prestigeträchtige Fleißaufgaben wie diese für ein relativ geringes Gehalt zu übernehmen.

Die ehrgeizige junge Dame löst fortan ballistische Aufgabenstellungen mittels mechanischer Tischrechner. Bis ein Auftrag abgeschlossen ist, vergehen 30 bis 40 Wochenstunden – Jean Jennings Bartik fühlt sich schnell unterfordert und bewirbt sich auf eine Stelle im ENIAC-Team. Ohne zu ahnen, was sie erwartet, wird sie zu einer der heute legendären „ENIAC Six“. Gemeinsam mit Kathleen McNulty, Marlyn Meltzer, Frances Bilas, Ruth Lichterman sowie Betty Snyder koordiniert sie fortan die Funktionen des ENIAC. Erste Entwürfe des Physikers John William Mauchly und des Ingenieurs John Presper Eckert für den Technikkoloss entstanden 1942, die Konstruktion begann 1943. Obwohl für die ab Ende 1945 anstehende Programmierung mittels Kabelverbindungen keine Handbücher existieren, meistern die fähigen Frauen ihre Aufgabe in rund vier Monaten, indem sie die Maschine so aufsetzen, dass die Flugbahn von Granaten und Bomben perfekt und blitzschnell berechnet wird. Das Entwirren der verwickelten Leitungssysteme ist Puzzlearbeit und Pionierleistung zugleich, ein Mix aus logischer Kopfarbeit, dem Umlegen von Schaltern und Umstöpseln von Kabeln. Mithilfe von Blaupausen und Schaltplänen kombiniert das Team die ENIAC-Komponenten für jede Rechenleistung neu, fndet in kürzester Zeit fehlerhafte Verbindungen.

Historischer Erfolg ohne Würdigung

Bei der ENIAC-Vorstellung im Februar 1946 werden die komplizierten Abläufe einigen Dutzend Würdenträgern, Wissenschaftlern und Ingenieuren präsentiert. Vor ihren Augen berechnet die Maschine eine 30-Sekunden-Bombenflugbahn in nur 20 Sekunden. Viele blinkende Lämpchen visualisieren die Berechnung und sorgen für Staunen. Jean Jennings Bartik und ihre Kolleginnen halten sich stolz und aufgeregt, aber dezent im Hintergrund, um im Problemfall eingreifen zu können. Bisher fühlen sie sich von den männlichen Kollegen respektiert und wertgeschätzt. Doch nach mehreren perfekten Demonstrationen werden sie von allen ignoriert, zur anschließenden Feier ist keine der „ENIAC Six“ eingeladen. Es sei eine andere Zeit gewesen, blickt Jean Jennings Bartik später zurück. Sie hätten die Rolle gespielt, die man von ihnen erwartete. „Es fühlte sich an, als sei an diesem Tag Geschichte geschrieben worden – und dann überrollte sie uns. Immerhin können wir sagen: Wir sind dabei gewesen.“ Im Anschluss an dieses Projekt heiratet sie William Bartik und arbeitet weiter als Programmiererin für die neue Firma von Eckert und Mauchly, die die ENIAC-Nachfolger BINAC (1949) und UNIVAC (1951) entwickeln. Nach einer ausgiebigen Familienpause ab 1952 kehrt der berufliche Ehrgeiz zurück: 1967 macht Jean Jennings Bartik ihren Englisch-Master an der University of Pennsylvania; wird zur gefragten Informatik-Dozentin und -Autorin. Als sie mit 61 Jahren arbeitslos wird, wagt sie erfolgreich den Neustart als Immobilienmaklerin in New Jersey. 

Erst zum 50. ENIAC-Geburtstag löst eine Kolumne im Wall Street Journal die verdiente Welle der Anerkennung aus. Die „ENIAC Six“ werden 1997 in die Women In Technology International (WITI) Hall of Fame aufgenommen, Jean Jennings Bartik erhält den Augusta Ada Lovelace Award für herausragende wissenschaftliche oder technische Leistungen im Computerbereich. 2002 folgt der Ehrendoktortitel an der Northwest Missouri State University, wo auch das Jean Jennings Bartik Computing Museum nach ihr benannt wird. Seit 1996 lassen sich Teile des Original-ENIAC in einer 1:1-Installation im Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn bestaunen. Ein Großteil ist im National Museum of American History (Smithsonian Institution) in Washington sowie in der Moore School for Electronics (Philadelphia) ausgestellt. Jean Jennings Bartik starb 2011 und zog zuvor ein Fazit voller augenzwinkernder Bescheidenheit: „Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber ich glaube, sogar ein Mann hätte schaffen können, was ich geschafft habe.“

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