Dr. Mario Herger - Vortrag

„Mehr Zeit zum Spielen nehmen"

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Nirgends gibt es so viele erfolgreiche Start-ups und Technologieunternehmen wie im Silicon Valley. Doch was ist das Erfolgsrezept von Apple, Google, Facebook und Co.? Und welche Möglichkeiten haben Unternehmen auch außerhalb der weltgrößten Tech-Schmiede, Trends frühzeitig zu erkennen? Experte Dr. Mario Herger hat einen einfachen Tipp: Er rät zu mehr Neugier.

Herr Dr. Herger, was kennzeichnet den innovativen Spirit von Unternehmen aus dem Silicon Valley und worin unterscheidet sich diese Mentalität von hiesigen Firmen?

Das ist vor allem ihr Mindset – nämlich Ideen ganz offen zu diskutieren, ohne sie zu be- oder verurteilen, und Dinge einfach anzupacken. Europäer und gerade auch Deutsche fnden sofort Gründe, warum etwas nicht funktionieren kann. Wir verschwenden einen großen Teil unserer mentalen Kapazitäten darauf, Fehler zu fnden und nach Argumenten zu suchen, dass etwas nicht möglich ist. Wer so vorgeht, fängt gar nicht erst an. Und dann kommt einer daher und macht einfach, ohne groß über Probleme nachzudenken – und schafft es, zu unserer aller Überraschung.

Gibt es ein konkretes Beispiel, an dem der Vorsprung des Silicon Valley deutlich wird?

Da fällt mir zuerst das autonome Fahren ein. Im Silicon Valley gibt es mehr als 60 Unternehmen, die auf den Straßen Kaliforniens selbstfahrende Autos testen dürfen. Diese Leute sehen jeden Tag, was die anderen machen – da ist der Wettbewerbsdruck so groß, dass sie genau wissen: Wenn wir unser Produkt nicht stetig weiterentwickeln, sind wir schnell wieder vom Markt verschwunden. Unterdessen schreiben deutsche Autobauer lange Spezifkationen und diskutieren intensiv darüber, ob es überhaupt schon einen Markt für eine solche Neuerung gibt. Deutsche Unternehmen versuchen sehr genau zu sein. Das funktioniert gut bei inkrementeller Innovation, also bei Schritt-für-Schritt-Innovation. Aber wenn es darum geht, disruptive Technologien zu schaffen, die neue Märkte erzeugen und dabei alte Industrien überrollen, dann funktioniert das so nicht.

Dr. Mario Herger

Denken wir Europäer zu sehr in konkreten Lösungen und begrenzen uns damit gleichzeitig?

Genau, das ist ein wichtiger Punkt. Schon weil bei uns meistens nur wenige Nationalitäten zusammenarbeiten, sind wir in unseren Blickwinkeln oft eingeschränkt. Damit einhergehend haben wir auch weniger Lösungen oder weniger Input, wie andere Kulturen mit Problemen oder neuen Ansätzen umgehen. Bei genau eingegrenzten Problemen hilft das gut, weil es meistens schneller geht. Wenn ich etwas Neues anpacke, wo es noch keine Erfahrungswerte gibt, bringt mich das allerdings nicht weiter. Natürlich scheitere ich auch oft, wenn ich Dinge einfach ausprobiere. Aber dann habe ich zumindest etwas gelernt.

Welche Maßnahmen sollte sich jede Person und jede Organisation von den Innovations-Champions aus Kalifornien abschauen?

Das beginnt zuerst einmal bei einem selbst. Innovation bedeutet nicht, dass man eine Blaupause vom Silicon Valley nimmt und diese auf das eigene Unternehmen umlegt. Sondern man muss lernen, grundlegende Fragen zu stellen, die zur Diskussion einladen. Tatsächlich ist es oft so, dass Innovationsmanager selbst die größten Hindernisse sind, indem sie oftmals auf Neues negativ reagieren, Ideen wegwischen und ihre Mitarbeiter nicht unterstützen. Vielmehr sollten sie ihr Mindset ändern und ein psychologisches Umfeld für ihre Mitarbeiter schaffen, damit sie Ideen einbringen können. Dann werden Innovationen mehr oder weniger automatisch folgen.

Was kann ich denn im Alltag tun, um meinen Mindset zu öffnen?

Dazu hat der Wirtschaftswissenschaftler Clayton Christensen eine interessante Feststellung gemacht. Er hat sich Terminkalender von Führungskräften angesehen und
gefragt, wie viel Zeit sie für neue Ideen, für Herumsuchen, für unstrukturiertes Tun frei halten. Dabei kam heraus: Manager in Unternehmen, die als innovativ und progressiv gelten, verbringen im Schnitt einen Tag pro Woche mehr mit solchen Tätigkeiten. Das heißt, sie lassen sich nicht nur von ihren Routinetätigkeiten treiben, sondern nehmen sich bewusst Zeit, Dinge zu hinterfragen.

Das hat auch etwas Spielerisches, oder?

Ja, ganz genau. Das Problem ist, dass viele glauben: Wenn ich etwas Spielerisches mache, dann sieht das so aus, als ob ich meine Arbeitszeit verschwende. Das ist heute wie ein Mäntelchen des Wichtigseins, das man sich umhängt – wer so gestresst ist, dass er keine Zeit hat, der ist wirklich wichtig. Meiner Meinung nach ist das der falsche Ansatz. Wer sich nicht die Zeit nehmen kann, zu philosophieren, spielerisch etwas auszuprobieren und neue Einsichten zu bekommen, der ist im Innovationsbereich nicht gut aufgehoben.

Zahlreiche Branchen stehen vor vielfältigen Herausforderungen - ob Big Data, künstliche Intelligenz oder Smart Factory. Wo genau die Reise hingeht, scheint allerdings nicht wirklich klar. Können wir uns auf die Zukunft überhaupt adäquat vorbereiten?

Wir können die Zukunft natürlich nicht vorhersagen, aber es wäre ein Fehler, es nicht zu versuchen. Schauen wir uns zum Beispiel an, wie Innovation funktioniert, dann bekommen wir das Gefühl, dass sich relativ gut vorhersehen lässt, was es an Technologien geben wird. Das iPhone® war beispielsweise vorhersehbar: Es gab schon Kameras, Handys, Computerchips, Touchscreens, Apps – und dann kam Apple, hat die Komponenten neu zusammengesetzt und eine passende Infrastruktur aufgebaut. Die Ideen liegen in der Luft, die Bausteine sind da. Das heißt für mich: Ich muss mir solche Bausteine anschauen und darf mich nicht darauf verlassen, dass etwas nicht relevant oder zu weit weg für mich ist. Wenn ich mit diesen Aspekten spiele, kann sich daraus eine Möglichkeit oder eine Idee ergeben, ein eigenes Produkt oder eine eigene Dienstleistung zu entwickeln. Selbst wenn in den meisten Fällen nichts daraus wird: Ich bin die Übung dann zumindest schon einmal mental durchgegangen und bekomme ein besseres Gefühl dafür, was möglich ist und was die Zukunft bringen könnte.

Welche konkreten Instrumente nutzt denn das Silicon Valley, um frühzeitig Trends zu erkennen?

Das wichtigste Instrument ist die Neugierde. Ich erlebe immer wieder, dass Manager von deutschen Technologieunternehmen mit veralteten iPhones® arbeiten oder sich weigern, einen Sprachassistenten zu nutzen oder einfach mal Pokémon GO auszuprobieren. So eine Haltung lässt sie dann auch nicht verstehen, wie sich Technologien anderer Firmen auf ihre eigene auswirken könnten. Dieser Mangel an Neugierde ist aus meiner Sicht eines der großen Probleme in Deutschland.

Welche Tipps können Sie uns noch geben, damit wir alle besser in die "Glaskugel" schauen und Trends früher erkennen können?

Meine persönliche Herangehensweise sieht so aus, dass ich mich jede Woche mit etwas Neuem auseinandersetze. Ich lade eine neue App herunter, ich lese ein Buch zu einem Thema, von dem ich keine Ahnung habe, oder ich gehe auf eine Konferenz, auf die ich sonst nie gehen würde. Deutsche wollen von der Wiege bis zur Bahre sicher sein. Sie hätten am liebsten eine Garantie dafür, dass Innovation funktioniert. Doch Kreativität planen zu wollen, ist, als ob man Spontaneität plant. Heute ist oft die Rede von der German Angst – wir müssen schauen, wie wir zur German Neugier kommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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