Ein Leben unter Wasser

Taucher unter Wasser

Er hat am tiefsten Tunnel der Welt in Istanbul mitgebaut, war vor Südamerika an den Booster-Bergungen der Ariane-V-Weltraummissionen beteiligt (siehe Foto), hat 100 Jahre alten Champagner aus einem Schiffswrack gezogen und ist neben hoch radioaktiven Brennelementen ins Wasser gestiegen: Claus Mayer ist Berufstaucher. Seine Maxime: Risiken (er-)kennen und auf die eigenen Fähigkeiten vertrauen.

600 m unter dem Meeresspiegel, 44 Tage am Stück, vier Mann in einer 8 m langen Wohnkammer mit gerade einmal 2 m Durchmesser: Wer hier die Nerven verliert, für den gibt es keinen Ausweg. Jedenfalls keinen direkten und schnellen. „Allein die Dekompression aus dieser Wassertiefe dauert 35 Tage“, erzählt Claus Mayer. Die Schweißarbeiten am niederländischen Westerschelde-Tunnel 1998, die unter diesen Extrembedingungen stattfanden, hat er noch in reger Erinnerung. Nicht jeder Mensch sei psychisch und physisch hierzu in der Lage. Deshalb muss jeder potenzielle Mitarbeiter seiner Firma ein knallhartes Testprogramm absolvieren, vergleichbar mit dem eines Astronauten. Ablehnungsquote: 80 %.

Dabei ist auch Claus Mayer das Tauchen nicht von Haus aus in die Wiege gelegt. Das Element Wasser packte ihn erst während seines Wehrersatzdienstes auf der Insel Helgoland. Während er auf der Intensivstation des örtlichen Krankenhauses tätig war und den Krankenwagen fuhr, absolvierte er nebenbei Tauchlehrgänge. Anschließend wechselte er zum Tauchbetrieb Helgoland, machte dort seine Ausbildung zum Berufstaucher und arbeitete intensiv an der Instandhaltung der Forschungsplattform Nordsee nordwestlich der Insel. „In dieser Zeit habe ich die Nordsee lieben gelernt“, erzählt der 69-Jährige. Als sich in ihm der Wunsch regte, sich selbstständig zu machen, war dies 1989 die Geburtsstunde der Nordseetaucher GmbH.

Als Meilenstein der Unternehmensgeschichte bezeichnet Mayer das erstmalige Nukleartauchen 1991. Im Kernkraftwerk Brokdorf fielen Wartungsarbeiten im Lagerbecken an. „Jeder hat zu mir gesagt, dass ich nicht alle Tassen im Schrank hätte.“ Wieso um Himmels Willen würde er sich der Radioaktivität aussetzen? Doch Mayer ging analytisch und rational an die Aufgabe heran. „Uns war klar, dass wir einen Mindestabstand von 1,38 m zu den Brennelementen einhalten müssen.“ Deshalb befestigte er Sensoren an seinem Körper, die die Radioaktivität messen sollten und stieg in das Lagerbecken. Mit Erfolg: „Wir konnten keinerlei Strahlung feststellen. Es hat auf Anhieb funktioniert!“ Die Zusammenführung der Europipe I und II vor der deutschen Küste sowie der Bau der vierten Hamburger Elbtunnelröhre in den 1990er Jahren bezeichnet Claus Mayer als weitere Höhepunkte. Starke Strömungen sowie die sehr schlechte Sicht in 23 m Tiefe ließen die Pipeline-Arbeiten zu einer extremen Herausforderung werden. Das Besondere am Bau des Elbtunnels war die Wassertiefe: Erstmals arbeiteten er und seine Angestellten in 4,5 bar Überdruck und in einer Wassertiefe von 42 m. Ein „normaler“ Mensch darf aus gesundheitlichen Gründen maximal 3,6 bar ausgesetzt sein, was einer Tiefe von 36 m entspricht. 

Porträt

Claus Mayer

Den gebürtigen Essener Claus Mayer (69) haben die Einsätze während seiner mehr als 40-jährigen Laufbahn rund um den Globus geführt, sogar in die Arktis und Antarktis. Er ist der einzige Berufstaucher weltweit, der eine Lizenz zum Nukleartauchen besitzt. 

Etwa 150 Spezialeinsätze hat Mayer mit seinem Team aus 10 festen Mitarbeitern und je nach Projekt bis zu 60 Freelancern in seiner beruflichen Laufbahn umgesetzt. Knapp 12.000 Arbeitsstunden hat er in Überdruck zugebracht, umgerechnet 500 Tage seines Lebens. Wirklich gefährliche oder gar lebensbedrohende Situationen hat es dabei nie gegeben. Das Schlimmste, erzählt Mayer, seien einige gebrochene Knochen und eine Meniskusverletzung außerhalb der Arbeiten in Überdruck gewesen. Diese gute Quote habe mit seinen hohen Sicherheitsanforderungen zu tun. „Wenn ich ein Projekt annehme, dann bestimme ich die Regeln. Ich muss im Vorfeld nur wissen, wann, wie und weshalb.“ Eine Voraussetzung ist etwa, dass im Falle einer Verletzung ein Arzt innerhalb von 30 Minuten am Unfallort sein muss.

Das Hauptproblem bei der Arbeit des Berufstauchers seien allerdings nicht die Gefahren für den Körper, sondern für die Psyche: „Ängstliche Menschen sind da unten zu keiner Handlung mehr fähig.“ Natürlich spielen aber auch eine ausgewogene Ernährung und grundsätzliche Fitness eine Rolle. Ebenso der Gang zum Arzt. Er selbst lässt sich regelmäßig durchchecken, auch wenn er heute nicht mehr so viel wie noch vor zehn Jahren taucht. Als Geschäftsführer verbringt er die meiste Zeit am Schreibtisch, organisiert und koordiniert die Einsätze rund um die Welt. Seine Ehefrau Karin Reuter-Mayer, die Claus Mayer in jungen Jahren auf der Forschungsplattform Nordsee kennenlernte, weil sie dort als Diplom-Bauingenieurin tätig war, gründete das Unternehmen einst mit. Die gemeinsame Tochter Jennifer trat Anfang 2016 in ihre Fußstapfen und arbeitet in der Geschäftsleitung des Familienunternehmens. „Beide kennen die Gefahren, die der Job mit sich bringt, wissen aber, welche Vorkehrungen ich vor jedem Einsatz treffe.“ Sicherheit ist und bleibt stets die oberste Maxime. Dann sei es „egal, ob wir in der Nordsee, im Roten Meer oder im Atlantik tauchen. Alles ist möglich!“

 

Die Nordseetaucher GmbH

Die Gesellschaft hat ihren Hauptsitz in Ammersbek bei Hamburg, Betriebshof und Trainingszentrum befinden sich in Bremerhaven. Zu den Haupteinsatzgebieten zählen Taucherarbeiten auf Bohr- und Förderplattformen in der Nord- und Ostsee, Bergungsarbeiten im In- und Ausland, Taucher- und Druckluftarbeiten im Tunnelvortrieb, die Sanierung von Talsperren und Kraftwerksanlagen sowie das Tauchen in kontaminierten Gewässern. Auf den Baustellen kommen nur modernste Geräte zum Einsatz, die das Team selbst mitentwickelt. Mittlerweile können die Nordseetaucher 7 angemeldete Patente vorweisen.

 

Text: Elisabeth Stockinger
Copyrights: Nordseetaucher GmbH