Großraumbüros: Fluch oder Segen für den Arbeitsplatz?

Gelbes Großraumbüro

Motivation und Gemeinschaftsgefühl für die einen, stetiger Geräuschpegel mit Ablenkungspotenzial für die anderen. Das Großraumbüro polarisiert, ist aber ohne Frage ein Trend der modernen Arbeitswelt. Doch was bedeutet der Open Space wirklich für die Kommunikation und Effizienz des Teams? Und wie kann ein modernes Großraumbüro-Konzept zu mehr Zufriedenheit und Produktivität führen?

Fast zwei Drittel der in Deutschland Angestellten teilen sich ihr Büro mit mindestens einem Kollegen, rund 15 % arbeiten mit mehr als fünf weiteren Personen im selben Raum – Tendenz steigend. Die Grundidee des Großraumbüros ist dabei einleuchtend: Eine offene Architektur soll positive Impulse setzen und zum kreativen Austausch anregen. Hier sitzen Kollegen sowohl im selben Raum als auch im selben Boot, um an gemeinsamen Zielen zu feilen. Und tatsächlich: Ein positives, engagiertes Arbeitsklima kann selbst den trägsten Kollegen zu größerer Aktivität anstacheln. Die flexible Infrastruktur erlaubt die schnelle Integration neuer Mitarbeiter, die Raumnutzung ohne ungewollten Leerstand ist sehr effizient. Kurze Abstimmungswege können das Teamgefüge zudem durchaus stärken – wenn das Konzept zu den Bedürfnissen der Belegschaft passt und diese einbezogen wird. Denn in der Praxis hapert es im Großraumbüro doch zuweilen.

Weniger Kommunikation trotz größerer Nähe

Studien zeigen, dass die erhoffte Kreativität und gegenseitige Inspiration oftmals ausbleibt. Im Gegenteil sinkt die Interaktion sogar mit zunehmender Nähe der Personen: Laut Forschungsergebnissen der Havard Business School von 2018 nahm das persönliche Gespräch im Vergleich zur vormals kleineren Büroeinheit desselben Teams um volle 70 % ab. Die Kommunikation über interne E-Mails und Messenger-Dienste stieg um 20 bis 50 %. Es ist zu vermuten, dass dies sowohl der Rücksichtnahme auf die allgemeine Geräuschkulisse als auch der Sorge des Mithörens  durch unliebsame Zuhörer geschuldet ist. Eine weitere Studie des Stress Research Institutes aus Stockholm belegt darüber hinaus, dass Arbeitnehmer in Großraumbüros fast doppelt so häufig krank sind. Zudem schüttet der Körper laut Umweltpsychologen der amerikanischen Cornell University in Open Space Offices doppelt so viele Stresshormone wie im Einzelbüro aus. Dazu passt die Forsa-Umfrage von 2017, nach der  60 % aller Büroangestellten in der Bundesrepublik über fehlende Rückzugsorte am Arbeitsplatz klagen. Schadet das Großraumbüro also der Effizienz einer Abteilung statt sie zu steigern? Jein. Denn es wäre ein Trugschluss, nun ein Loblied auf kleinere oder Einzelbüros zu singen. Denn diese mögen zwar mehr Ruhe und Konzentration versprechen, verleiten aber auch zum unproduktiven Verstreichenlassen wertvoller Arbeitszeit – ob beim Telefonat mit dem Ehepartner oder dem lustigen YouTube-Video.

Rückzug vom Großraumbüro

Großraumbüros - aber richtig

Wenn sich ein Unternehmen also für Gemeinschaftsräume entscheidet, gilt es diese nach modernen Maßstäben zu gestalten, um einen Nutzen daraus zu ziehen. Es ist nicht damit getan, alle Innenwände abzureißen und Schreibtische, Grünpflanzen sowie schallschluckenden Sichtschutz möglichst platzsparend anzuordnen. Pluspunkte sammeln vor allem jene Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern abseits des Trubels Raum schenken – sei es das Besprechungszimmer fürs Meeting oder die Telefonkonferenz, die Teeküche für den privaten Austausch oder Rückzugsnischen für Brainstormings und Verschnaufpausen mit gemütlichem Mobiliar, Steckdosen und USB-Ladestationen. Zudem sollten Projektteams nach wie vor nahe beieinander positioniert sein. Eine bunte Durchmischung und Entzerrung von Fachabteilungen ist kontraproduktiv. Essentiell ist überdies, dass sich auch Führungskräfte aktiv und als Teil des großen Ganzen in den Büroalltag einbringen. Wenn jeder Angestellte dann noch die Freiheit hat, seinen Arbeitsplatz individuell zu gestalten und die gegenseitige Rücksichtnahme den Regeln eines guten Miteinanders folgt, dann dürfte auch das Großraumbüro zur produktiven und zufriedenstellenden Arbeit für alle Seiten beitragen.


Text: Bastian Korte