Der Mann mit den zündenden Ideen

Es war ein Schlüsselerlebnis auf einer zweijährigen Bildungsreise Alfred Nobels quer durch Forschungslabore in Deutschland, den USA und Frankreich, das sein Interesse für den Sprengstoff weckte: Im Paris der frühen 1850er-­Jahre stand Ascanio Sobrero vor ihm, gezeichnet von schweren Gesichtsverletzungen, die er bei seinen Experimenten erlitten hatte. Denn wenige Jahre zuvor hatte der Italiener das Nitroglyzerin entdeckt, es jedoch geheim gehalten, da er es aufgrund der vielfachen Sprengwirkung im Vergleich zum Schwarzpulver für zu gefährlich hielt. Nobel war fortan fasziniert von dem Gedanken, den hochexplosiven Flüssigstoff beherrschbar zu machen.

Alfred Nobel

Bis dahin stand der 17­-Jährige, drittältester von vier Söhnen, im Schatten seines Vaters Immanuel Nobel, der sich aus armen Verhältnissen hochgearbeitet hatte. 1842 zog die Familie von Stockholm ins russische St. Petersburg, wo der Vater zum erfolgreichen Unternehmer für Militärtechnik aufstieg. Er war es auch, der Alfred Nobel auf die Studienreise schickte, um sein vorhandenes Technik-­ und Chemie­-Interesse zu fördern – und gleichermaßen das Faible des jungen Mannes für die Literatur einzudämmen. Mit Erfolg, denn das nimmermüde Erfinder­- und Unternehmertalent übertrug sich auf Sohn Alfred. Zurück in der schwedischen Hauptstadt trieb er ab 1859 die Produktion von Nitroglyzerin in der väterlichen Firma voran. Immer mit dem Ziel, die farblose und bereits bei transportbedingter Erschütterung sofort detonierende Flüssigkeit für Technik und Wirtschaft nutzbar zu machen. Denn die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war die große Zeit des Berg-­, Straßen-­ und Eisenbahnbaus, überall mussten gigantische Erdmengen bewegt werden.

Anfang der 1860er-­Jahre reiste Alfred Nobel darum erneut nach Deutschland. Auf einer Zeche in Dortmund experimentierte der dank eines Privatlehrers fließend Deutsch, Russisch, Französisch und Englisch sprechende Schwede mit dem Einsatz klassischer Sprengstoffe unter Tage. Im Ergebnis erfand Alfred Nobel die Initialzündung. Dem eigentlichen Explosivstoff wird dabei eine separate Sprengkapsel vorangesetzt, die das Initial des Explosionsprozesses unmittelbar vom Detonationskörper auf die Kapsel verlagert. Bereits durch die Trennung von Zündung und Explosion wurde der Vorgang deutlich sicherer. Zurück in Stockholm wollte Nobel seine Erkenntnisse auf das Nitroglyzerin anwenden. Einen entsprechenden Patentantrag für das sogenannte Sprengöl stellte er im Juli 1864. Stolz vermerkte er in seinen Notizen: „Ich bin der Erste, der diese Stoffe aus dem wissenschaftlichen in den industriellen Bereich gebracht hat.“ Doch wenige Wochen später folgte die Tragödie: Sein jüngerer Bruder Emil, der gerade erst das Abitur bestanden hatte, wollte die Erfindung im Versuchslabor der väterlichen Fabrik womöglich einigen Angestellten vorführen. Dabei explodierten die in unmittelbarer Nähe gelagerten 125 kg Nitroglyzerin – die fünf Personen, die sich im Labor befanden, kamen ums Leben.

Alfred Nobel, der sich am Schicksalstag nicht in der Firma befand, äußerte sich zum frühen Tod seines Bruders nie. Er galt als verschlossen, arbeitete meist allein und häufig gleich mehrere Tage am Stück. In Folge der Explosion verfügte die Stadt einen Umzug der Produktion des Familienunternehmens an einen Standort außerhalb Stockholms. Zu diesem Anlass gründete Alfred Nobel auch eine zweite Betriebsstätte im Dorf Geesthacht nahe Hamburg – sein erstes eigenes Unternehmen. Hier forschte er auf einem Kahn auf der Elbe und machte nach der Initialzündung seine zweite bedeutende Entdeckung. Der Legende nach berichteten ihm Arbeiter von einem Bahntransport, bei dem eine Auspolsterung mit Kieselgur ausgelaufenes Nitroglyzerin aufsog und so eine Explosion verhinderte. Nobel selbst dementierte das. Viel plausibler scheint, dass er mit seinem Umzug nach Norddeutschland die Kieselgur überhaupt erst kennenlernte, da die Substanz speziell hier in großem Stil abgebaut und über die Elbe verschifft wurde. Nobel fand heraus, dass sich das flüssige Nitroglyzerin unter Zugabe von einem Viertel Kieselgur sowie Natriumcarbonat zu einer formbaren Masse verwandelte und seine notorische Explosionsgefahr verlor – Nobels Sicherheitspulver war geboren. Der Erfinder verlieh ihm kurz darauf den Namen Dynamit, abgeleitet vom griechischen Wort Dynamis für Kraft. Es revolutionierte die Arbeitsweise für Großbauprojekte wie den Panamakanal und setzte zum Siegeszug rund um den Globus an. Kontinuierlich verfeinerte Alfred Nobel das Verfahren, unter anderem sorgte die Hinzufügung von Kollodiumwolle und Kampfer zu einer Ausdehnung der Sprengkraft von 6.000 m auf 8.000 m pro Sekunde.

90 Dynamit-Fabriken in 20 Ländern

Ganze 355 Patente meldete Nobel an, viele davon zu Nitroglyzerin, Dynamit oder der Sprenggelatine, mit der der Schweizer Gotthard­-Tunnel von 1872 bis 1882 gebaut wurde. Im Deutsch-­Französischen Krieg von 1871 bediente Nobel beide Seiten. Als der schwedische Unternehmer wenige Jahre später Hamburg wieder verließ, galt er mit 90 Fabriken in 20 Ländern als einer der reichsten Europäer. Derweil berührte die Kehrseite seiner Sprengstoffe, ihre auf Menschen tödliche Wirkung, Alfred Nobel immer mehr. Seine Ansicht, gerade militärische Stärke würde durch Abschreckung den Frieden sichern, schien sich nicht zu bewahrheiten. Diese Einsicht verstärkte eine persönliche Begegnung: In Paris arbeitete die Pazifistin Bertha von Suttner zwei Wochen lang für ihn als Privatsekretärin. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Beziehung zu der Frau, die unter anderem das viel beachtete Werk „Die Waffen nieder“ schrieb. Als Alfreds Bruder Ludvig darüber hinaus starb und eine französische Zeitung die beiden verwechselte und indem sie schrieb „Der Kaufmann des Todes ist tot“, traf ihn dies genauso ins Mark wie die über 1.000 Attentate, die allein 1892 in Westeuropa mithilfe seines Dynamits verübt wurden. So versuchte der sensible Feingeist mit dem Sinn für Literatur am Ende seines Lebens zunächst einmal, seinen inneren Konflikt aus technischer Begabung und kreativer Berufung durch das Schreiben von Romanen und Dramen im italienischen Sanremo zu befrieden. Darüber hinaus verfügte Alfred Nobel testamentarisch, dass der gesamte Ertrag seines Lebens fortan allein dem Frieden dienen solle. Zugutekommen solle es dem, der „am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat“. Fünf Jahre nach Nobels Tod 1896 wurden die ersten Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden ausgelobt. Wiederum vier Jahre darauf erhielt Bertha von Suttner als erste Frau der Welt den Friedensnobelpreis des Mannes, dem sie maßgeblich zur späten Erkenntnis verholfen hat.

Text: Gerrit Reichert

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