Drei Brüder auf der Überholspur

„ Sie können sich nicht vorstellen, was bei uns los ist“, zeigt sich Markus Kreisel selbst noch ein wenig ungläubig angesichts des ausgelösten Booms. „Wir bekommen jeden Tag 50 Anfragen aus der Industrie.“ Das Objekt, das ihn und seine Brüder so begehrt macht: ein selbst entwickeltes Akkupack, das die Leistungsfähigkeit von Elektro-Fahrzeugen deutlich erhöht und Batteriesystemen namhafter Autohersteller offensichtlich überlegen ist. So haben die drei in ihrer 900 m² großen Garagenwerkstatt im Frühjahr 2016 einen E-Golf von VW umgerüstet – und dadurch dessen Batteriekapazität von 24,2 auf 55,7 kWh sowie seine Reichweite von 190 auf 430 km gesteigert. Da wundert es nicht, dass auch die Großen der Branche, von den USA bis Japan, hellhörig geworden sind und sich erkundigen, was da in der österreichischen Provinz vor sich geht.

Das ist schnell erklärt: Wie der amerikanische Hersteller Tesla, Weltmarktführer bei der Produktion von E-Autos, verwenden die Brüder standardisierte Lithium-IonenAkkus. Allerdings schweißen sie die einzelnen Rundzellen nicht zusammen, sondern nutzen ein eigens entwickeltes Laserverfahren – das geht schneller und macht die Akkus effektiver. Ein weiterer Durchbruch im Vergleich zur Konkurrenz gelang mit dem integrierten Temperaturmanagement: Weil die Zellen von einer nicht leitenden Flüssigkeit umspült werden, können sie unabhängig von der äußeren Witterung permanent ihre Idealtemperatur von 25 bis 30 Grad Celsius halten. Dadurch verlängert sich nicht nur ihre Lebensdauer, sondern es verkürzen sich auch die Ladezeiten. Markus Kreisel hat eine simple Erklärung dafür, warum er und seine Brüder ein Problem gelöst haben, an dem sich so mancher Großkonzern bisher die Zähne ausgebissen hat: „Man muss eben offen für einfache Lösungen sein. Unser Vorteil ist, dass wir Ideen einfach mal ausprobieren können und niemanden fragen müssen.“

Seinen Ursprung hat diese Entwicklung im Jahr 2012, als Vater Kreisel sich einen E-Renault kaufte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich seine Jungs noch nicht mit dem Thema Elektromobilität befasst, doch das Fahrgefühl im neuen Wagen begeisterte vor allem Sohn Markus sofort. Das einzige Manko: Mit einer Batterieladung schaffte das Auto nicht mehr als ein paar Dutzend Kilometer. Der gelernte Kaufmann wollte mehr und orderte in den USA einen Tesla – stornierte den Kauf aber kurz darauf wieder. „Mir gefel nicht, dass das ganze Geld für die Neuanschaffung nach Amerika fließen würde“, erzählt der 38-Jährige. „Uns ist wichtig, dass möglichst viel Wertschöpfung in der Region bleibt. Also überredete ich meine Brüder zu einer Bastelei nach Feierabend.“ Die drei kauften sich einen Audi A2, bestellten im Internet Batteriekomponenten und begannen eine gute Woche vor Weihnachten mit dem Umbau zum E-Auto. Schon am Heiligen Abend machten sie ihre erste Probefahrt.

„Wir waren selbst überrascht, wie gut das geklappt hat“, berichtet Markus Kreisel. Die Reichweite des Wagens ließ mit 100 km zwar nach wie vor zu wünschen übrig, doch ihr Ehrgeiz war geweckt. Projekt Nummer zwei wurde die Umrüstung eines Porsche 911 mit einer Motorleistung von 200 kW. Nach sechs Monaten intensiver Arbeit hatten die Brüder ihren Rennwagen zum E-Auto mit einer Batteriekapazität von 63 kWh und einer Reichweite von 300 km umfunktioniert – und dabei das Gesamtgewicht des Fahrzeugs nicht erhöht. „Da wussten wir, dass die Zukunft für uns in der E-Mobilität liegt“, sagt Kreisel. Schnell sprach sich der Newcomer in der Szene herum. Als die ersten Aufträge hereinkamen, setzten die Brüder alles auf eine Karte und gründeten ihre Firma Kreisel Electric. „Wir waren komplett verrückt und gingen ein großes Risiko ein. Schließlich konnte uns niemand sagen, ob das gut gehen würde.“ Doch es ging sehr gut. Die Garage im heimischen Freistadt ist längst zu klein geworden, weswegen derzeit nur wenige Kilometer entfernt eine moderne Batteriefabrik für 150 Mitarbeiter entsteht. Wesentlicher Bestandteil des Erfolgsgeheimnisses ist es, dass sich die Brüder mit ihrem Know-how hervorragend ergänzen. Johann, der Älteste, gilt als begabter Techniker, der im direkten Kontakt mit anderen allerdings eher zurückhaltend ist. Kommunikationstalent Markus ist als Sprachrohr des Trios für Vertrieb und Marketing zuständig,während Nachzügler Philipp der Tüftler unter den dreien ist. „Dem kann man irgendeine Aufgabe geben, dann verkriecht er sich für zwei Tage irgendwo und kommt anschließend mit der Lösung zurück“, berichtet Markus Kreisel. „Das ist einfach genial.“

Jährliche Kapazität von 800.000 kWh

Jeder der Brüder ist im Unternehmen für seinen eigenen Bereich zuständig, doch wichtige Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Schon in ihrer Kindheit hatten die drei einen engen Draht zueinander. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, kümmerten sich vornehmlich die Großeltern um die Jungs, weil die Eltern viel in ihrem Elektrohandel arbeiteten. Noch heute betreibt die Familie nebenbei Landwirtschaft, züchtet schottische Hochlandrinder und amerikanische Westernpferde. „Aber das ist nur ein Hobby“, sagt der mittlere Bruder. „So wie andere Leute joggen oder Ski fahren, haben wir eben unseren Hof.“ Viel Zeit bleibt dafür allerdings momentan nicht. An mehr als 40 Einzelprojekten arbeiten die Kreisel-Brüder aktuell. Sobald die Fertigungslinie der neuen Fabrik in Betrieb geht, sollen jedes Jahr Batteriepacks mit einer Kapazität von 800.000 kWh produziert werden – mit diesen könnten gut 22.000 aktuelle E-Golf-Modelle ausgestattet werden. Einsetzbar sind sie jedoch nicht nur in Autos, sondern auch in E-Bikes, Schiffen oder Flugzeugen. Darüber hinaus arbeitet das Trio an der Serienproduktion eines Stromspeichers für private und gewerbliche Anwendungen. Langeweile wird also so schnell nicht aufkommen im Hause Kreisel. Dass der Elektromobilität ein enormer Schub bevorsteht und ihre Firma in zehn Jahren ein international operierendes Großunternehmen sein wird, daran hat das Brudergespann keine Zweifel. „Es bräuchte 100 Unternehmen wie unseres, um künftig die Nachfrage zu bedienen.“ Sind die drei Österreicher also gar keine Konkurrenz zu den Branchenriesen? „Im Gegenteil“, grinst Markus Kreisel, „Tesla ist froh, dass es uns gibt.“

Text: Anne-Katrin Wehrmann

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