Fachkräftemangel

Der Fachkräftemangel beschreibt eine Situation, in der die Wirtschaft in einem bestimmten Tätigkeitsfeld auf keine ausreichende Menge qualifizierter Mitarbeiter am Arbeitsmarkt zurückgreifen kann. Häufig ist dies die Folge eines vorausgehenden akuten Fachkräfteengpasses, der aus den verschiedensten Gründen nicht rechtzeitig ausgeglichen werden konnte. Ein Fachkräftemangel ist für gewöhnlich auf bestimmte Branchen sowie Regionen beschränkt und tritt mitunter zyklisch auf. Strukturelle und demografische Veränderungen wie z. B. niedrige Geburtenraten oder die Digitalisierung können das Phänomen auslösen oder verstärken. Anzeichen für einen Fachkräftemangel sind z. B. überdurchschnittliche Branchenlöhne und eine besonders geringe Arbeitnehmerfluktuation.

Wie entsteht ein Fachkräftemangel?

Ein zentraler Auslöser des Fachkräftemangels in Deutschland ist der demografische Wandel. Die Gesellschaft überaltert zunehmend, die geringere Geburtenrate der vergangenen Jahrzehnte wirkt sich heute auf den Arbeitsmarkt aus, da weniger gut ausgebildete Menschen nachrücken als aus dem Job ausscheiden. Wesentlich ist auch eine Veränderung des Anforderungsprofils an Arbeitnehmer, verursacht durch die Digitalisierung. Schneller, als das Bildungssystem qualifizierte Fachkräfte ausbilden kann, entstehen neue Berufe im IT-Sektor, der Roboterentwicklung und weiteren fachverwandten Berufen. Verschärfend kommt hinzu, dass Ausbildungsstätten und Hochschulen personell und materiell oft noch gar nicht in der Lage sind, den wachsenden Ansprüchen der digitalisierten Wirtschaft an ihre Absolventen gerecht zu werden. In einigen Branchen führen schlechte Bezahlung, fehlende Entwicklungsmöglichkeiten und allgemeine Unzufriedenheit zu einer Abwanderung hoch qualifizierter Fachkräfte ins Ausland. Von Angehörigen der Gesundheitsberufe beispielsweise werden regelmäßig zu niedrige Gehälter bei gleichzeitig wachsender Verantwortung und Bürokratie beklagt.

 

 

In welchen Bereichen herrscht in Deutschland Fachkräftemangel?

In Deutschland sind besonders Einrichtungen der Gesundheits- und Pflegeversorgung von einem Fachkräftemangel betroffen. Wurde in den Achtzigerjahren noch vor einer sogenannten „Ärzteschwemme“ gewarnt, ist heute – vor allem im hausärztlichen Bereich und in ländlichen Regionen – eher ein Ärztemangel zu verzeichnen. Noch dramatischer stellt sich der Fachkräftemangel aktuell im Bereich Kranken- und Altenpflege dar. Zu wenig Fachkräfte stehen dem deutschen Arbeitsmarkt zudem in den sog. MINT-Berufen (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaft-Technik) zur Verfügung. Das Phänomen Fachkräftemangel ist in Deutschland je nach Region unterschiedlich stark ausgeprägt. Besonders kritisch stellt sich das Problem in wirtschaftsstarken Regionen mit hoher Nachfrage an qualifizierten Arbeitskräften dar. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft sind in Baden-Württemberg über 70 Prozent der Arbeitsplätze schwer zu besetzen, in Bayern sind es zwei Drittel. Weniger gravierend wirkt sich der Fachkräftemangel bislang in den neuen Bundesländern aus. Am wenigsten macht sich das Thema Fachkräftemangel derzeit in Berlin bemerkbar, wo nur rund jeder dritte Job schwer vermittelbar ist.

 

 

Welchen Einfluss hat der Fachkräftemangel auf die Personalbeschaffung?

Grundsätzlich dürfen Arbeitgeber mit einer erleichterten Personalbeschaffung rechnen, wenn sie die ausgeschriebene Stelle so attraktiv wie möglich gestalten. Eine bessere Bezahlung und hohe Sicherheit erhöhen die Chance, eine Stelle mit gut ausgebildeten Fachkräften zu besetzen. Dasselbe gilt für eine Lockerung der Einstellungsvoraussetzungen. Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen auch zu einer Anpassung ihrer Kandidatensuche. Diese erfolgt vermehrt über digitale Kanäle und Social Media. Bewerbungsprozesse für potenzielle Mitarbeiter werden vereinfacht und verkürzt, um die ausgeschriebene Stelle schneller mit der präferierten Fachkraft zu besetzen. Eine zunehmend verbreitete Strategie ist die Einstellung von Interimsmitarbeitern bzw. die Kooperation mit Fachkräftevermittlern/Headhuntern, die qualifizierte Mitarbeiter zeitlich begrenzt und mitunter freiberuflich rekrutieren. Weitere Personalbeschaffungsstrategien in Zeiten des Fachkräftemangels sind internationale Fachkräftetransfers, bei denen Mitarbeiter aus dem Ausland herangezogen werden. Die Einrichtung sogenannter Mitarbeiternetzwerke im Internet ermöglicht Arbeitgebern eine gezieltere Suche nach dem passenden Kandidaten. Die klassische Stellenausschreibung in der Tageszeitung verliert an Bedeutung.

 

 

Inwiefern besteht ein Zusammenhang zwischen internationalen Fachkräften und dem Fachkräftemangel in Deutschland?

Zunächst können internationale Fachkräfte zu einer Linderung des deutschen Fachkräftemangels herangezogen werden. Unbedingte Voraussetzung hierfür ist eine höhere Attraktivität der hiesigen Tätigkeit als im Heimatland, sei es durch die finanzielle Vergütung, Weiterbildungschancen oder Freizeitangebote. Gerade in neuen Berufsfeldern, die im Rahmen der Digitalisierung entstehen, sind v. a. asiatische Staaten und die USA teilweise erheblich weiterentwickelt als Deutschland. Dies gilt insbesondere für die universitäre Ausbildung der entsprechenden Fachkräfte. Gerade Schwellenländer holen in Fragen der Digitalisierung stark auf und sind zudem immer mehr in der Lage, ihren eigens ausgebildeten Fachkräften sehr attraktive Arbeitsbedingungen anzubieten. Insofern wird es für die hiesige Wirtschaft immer schwerer, hoch qualifizierte Arbeitnehmer aus dem Ausland zu rekrutieren. Im Gegenteil sorgen in einigen Berufszweigen schlechte Bezahlung und viel Bürokratie für eine Abwanderung ins Ausland. Langwierige Antragsprozesse für Forschungsgelder verschärfen zudem die Situation internationaler und deutscher Spitzenforscher/Wissenschaftler.

 

 

Welche Maßnahmen zur Bekämpfung von Fachkräftemangel gibt es?

Arbeitgeberseitig sind vor allem jene Maßnahmen zu nennen, die bereits zu einer verbesserten Rekrutierung von Fachkräften genannt wurden. Neben Faktoren wie einer attraktiven Bezahlung, niedrigeren Einstellungsvoraussetzungen und einem vereinfachten Bewerbungsprozess sorgen gute Angebote zur Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle und Weiterbildungsangebote für eine gesteigerte Attraktivität unter den verfügbaren Fachkräften. Staatlicherseits gilt es zunächst, die allgemeine Infrastruktur auf einem so guten Niveau zu halten, dass Deutschland auch als privater Wohnort attraktiv bleibt und eine Abwanderung weniger interessant wird. Sowohl von Politik als auch Wirtschaft gilt es, ungenutzte Fachkräftepotenziale im Inland, wie Frauen, Ungelernte, Personen mit Migrationshintergrund sowie ältere Menschen und solche mit Behinderung gezielt zu entwickeln. Der Staat muss zudem die duale Ausbildung weiter stärken, denn diese gilt als entscheidender Standortvorteil für Deutschland. Die Bereitstellung zahlreicher Aus- und Weiterbildungsangebote (v. a. im Bereich der Digitalisierung) vergrößert das Angebot inländischer Fachkräfte. Weil sich der Fachkräftemangel durch diese Maßnahmen in einigen Branchen nicht vollständig beheben lässt, müssen gezielt internationale Fachkräfte angeworben werden. Neben der erwähnten Attraktivitätssteigerung einer Tätigkeit in Deutschland müssen ausländische Berufsabschlüsse leichter anerkannt werden. Zeitgleich muss sichergestellt sein, dass die Fachkräfte auch ihre Familien mit nach Deutschland nehmen können. Gebündelt werden Maßnahmen zur Anwerbung internationaler Fachkräfte im Fachkräfteeinwanderungsgesetz der Bundesregierung. Eine viel diskutierte, gleichsam aber nur kurz wirksame und unpopuläre Lösung ist eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters.

 

 

Wie entwickelt sich der Fachkräftemangel in Deutschland in der Zukunft?

Ohne geeignete Gegenmaßnahmen wird sich der Fachkräftemangel in Deutschland weiter verschärfen. Viele Arbeitnehmer aus den ohnehin betroffenen Branchen gehen in den kommenden Jahren in Rente. Bereits für die nahe Zukunft prognostizieren Experten einen Bedarf von rund 260.000 Zuwanderern, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken(1). Auch in Ostdeutschland ist mit einer Verschärfung der Situation zu rechnen. Der Grad an Digitalisierung und damit die Nachfrage an entsprechenden Fachkräften erhöht sich weiter. Zwar steigt die Geburtenrate wieder leicht an, gleichwohl wirkt sich dies erst Jahrzehnte später auf den Arbeitsmarkt aus.

 

 

Weblinks: 

Der Tagesspiegel: Rövekamp M. Deutschland braucht jährlich 260.000 Zuwanderer. Veröffentlichungsdatum: 12.02.2019, Abrufdatum: 17.04.2020 (Link)