Mit nachhaltigen Ideen die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen

Die Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen ist heute dringender denn je. Nachhaltigkeit betrifft jedoch nicht nur das private Engagement einzelner, sondern prägt längst auch die strategische Ausrichtung von Unternehmen – ein Trend, der einen fast inflationären Gebrauch des Begriffs nach sich zieht. Doch Nachhaltigkeits­-Experte Prof. Dr. Dr. Christian Berg erklärt, dass ressourcenschonendes Handeln auch wirtschaftliche Vorteile bieten kann.

Herr Berg, als Ingenieurwissenschaftler, Theologe und Philosoph sind Sie es gewohnt, die Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Welche Perspektiven eröffnen sich Ihnen beim Thema Nachhaltigkeit?

Die drei Fachgebiete blicken ganz unterschiedlich auf die Welt. Die realen Probleme erfordern es immer mehr, solch verschiedene Sichtweisen zu verbinden, denn viele Fragestellungen lassen sich nicht innerhalb der Grenzen einer Disziplin beantworten. Insofern kann es sinnvoll sein, voneinander zu lernen und gemeinsame Strategien zu entwickeln. Philosophisch würde ich zum Beispiel sagen, dass Nachhaltigkeit immer auch mit Fragen der Gerechtigkeit zu tun hat. Aus theologischer Sicht stoße ich auf Begriffe wie Frieden oder Bewahrung der Schöpfung, die sehr eng mit dem Leitbild der Nachhaltigkeit zusammenhängen. Aber auch Ingenieure handeln ja nicht wertneutral, sondern bewerten ihr Tun anhand von Effzienz, Funktionalität und Sicherheit. Nicht umsonst gibt es Normen und Standards wie DIN. Künftig wird es darauf ankommen, diese zu erweitern und das eigene Handeln zusätzlich auch ethisch zu hinterfragen: Wie sehen die langfristigen Wirkungen der von mir eingesetzten Technologie aus? Welchen Einfluss hat sie auf Umwelt und Gesellschaft? Und wie können wir ganze Systeme nachhaltig konzipieren?

Können wir also unseren derzeitigen Wachstumskurs ungehindert fortsetzen oder entziehen wir damit nachfolgenden Generationen die Lebensgrundlage?

Solange der Markt nicht die tatsächlichen Kosten von Waren und Dienstleistungen abbildet und weiterhin die ökologischen und sozialen Kosten außen vor lässt, wird unser Wachstum immer zulasten der Umwelt, der Zukunft oder anderer Menschen gehen. Das Umweltbundesamt hat zum Beispiel errechnet, dass die externen Kosten der Braunkohlenutzung, etwa für die Beseitigung von Umweltschäden, knapp 11 Cent pro kWh betragen. Diese Kosten werden auf die heutige und morgige Gesellschaft ausgelagert. Würden wir sie internalisieren, müsste nicht die Allgemeinheit, sondern der Verursacher für diese Kosten aufkommen. Nur auf einer solchen Grundlage können wir unseren Ressourcenverbrauch, unsere Emissionen und unsere Abfallmengen weiter senken und glaubhaft einen Wandel von anderen fordern.

Was würden Sie Unternehmen konkret raten, um nachhaltig und zugleich erfolgreich zu wirtschaften? Können Sie Best-­Practice-­Beispiele nennen?

Ganz unabhängig von der jeweiligen Branche haben Unternehmen generell die Möglichkeit, durch ökologische Verbesserungen gleichzeitig Kosten zu sparen und die eigene Proftabilität zu erhöhen. Den PR-­Bonus für verbesserten Klimaeffekt gibt es noch obendrauf. Ein gutes Beispiel für verantwortungsvolles Unternehmertum ist der erfolgreiche Vakuumpumpen­-Hersteller Schmalz, der durch den Einsatz von Wasserkraft, Windkraft, Solarenergie und Biomasse mittlerweile genauso viel erneuerbaren Strom produziert wie er selbst verbraucht. Zum erfolgreichen Wirtschaften gehört aber auch ein mitarbeiterfreundliches Arbeitsklima. In vielen Bereichen ist es schon heute so, dass hoch qualifzierte Bewerber bei Vorstellungsgesprächen zunächst nach den sozialen Bedingungen vor Ort fragen. Im Kampf um die besten Köpfe werden sich die Firmen hierauf einstellen müssen. Einer meiner früheren Arbeitgeber, SAP, kann sicher behaupten, in diesem Bereich wegweisend zu sein: Ob es das kostenlose Mittagessen für alle Angestellten weltweit ist, das flexible Arbeiten von zu Hause aus, die umweltfreundliche Bahncard100 oder das regelmäßige Überprüfen der Mitarbeiterzufriedenheit.

Innovationsfähigkeit ist ein wichtiger Indikator einer Volkswirtschaft. In welchem Maße begrenzt oder fördert Nachhaltigkeit innovative Produkte und Dienstleistungen?

Nachhaltigkeit ist ganz eindeutig ein wichtiger Treiber von Innovationen. Denn wenn wir davon ausgehen, dass Güter wie saubere Luft, sauberes Wasser oder Artenvielfalt schon bald knapp sein werden, dann erhöhe ich meine Wettbewerbsfähigkeit, indem ich heute schon damit beginne, Strategien oder Produkte für einen sorgsamen Umgang mit diesen knappen Gütern zu entwickeln. Die Dieselaffäre bedeutet in diesem Sinne nicht nur einen Vertrauensverlust, sondern sie steht auch für die Behinderung von Innovationen – Stichwort Elektroantrieb.

Warum sind Ihrer Ansicht nach gerade westliche Gesellschaften dazu aufgerufen, Nachhaltigkeit vorzuleben?

Wer sollte es denn sonst tun? Ganz unabhängig von der Historie und den sozialen Folgen des Kolonialismus: Wollen wir ernsthaft erwarten, dass die Entwicklungsländer auf Wachstum verzichten, damit wir weiter bedenkenlos konsumieren können? Hinzu kommt, dass gerade Deutschland auch in vielen technologischen Bereichen sehr stark ist und damit Verantwortung trägt. Denn wir können anderen Ländern dabei helfen, nicht nachhaltige Entwicklungsstufen einfach zu überspringen.

Oft ist von dieser Vorreiterrolle Deutschlands die Rede – sind relevante Effekte im nationalen Alleingang oder nur durch globale Zusammenarbeit zu erreichen?

Mir scheint, die Politik ist gerade dabei, die Vorreiterrolle zu verspielen. Dabei bleibt es nach wie vor wichtig, anderen zu zeigen, wie nachhaltige Systeme aufgesetzt werden können. Diese entwickelten Blaupausen werden dann früher oder später auch auf dem globalen Markt nachgefragt und stärken wiederum den hiesigen Wirtschaftsstandort. Auch wenn der quantitative Effekt Deutschlands allein nicht so groß sein mag, der Hebel über die indirekten Wirkungen unseres export­ und technologiestarken Landes ist nicht zu unterschätzen.

 
Welche Verantwortung kommt denn der angesprochenen Politik als rahmengebender Instanz zu?

Eine ganz entscheidende! Nur leider setzt sie in vielen Bereichen falsche Anreize, denn nach wie vor subventionieren wir Umweltschäden mit jährlich über 50 Mrd. €. Stattdessen brauchen wir Gesetze und internationale Vereinbarungen, die eine Trendumkehr in Gang setzen. Ein Beispiel: Ein konventionelles Auto steht im Schnitt 95 % der Zeit still und wird in der übrigen Zeit von nur 1,5 Personen gefahren, deren Gewicht im Verhältnis zum Leergewicht keine 10 % beträgt. Der Wirkungsgrad bei der Verbrennung ist kaum besser als 20 %, sodass am Ende nur etwa 2 % der chemischen Energie für die Fortbewegung von Nutzlasten verwendet werden. Das kann nicht sinnvoll sein.


Und was können Arbeitnehmer konkret tun? Welche Unternehmenskultur und Bewusstseinsänderung brauchen wir im Arbeitsleben?

Wichtig ist zunächst, dass die Führungsebene in der Nachhaltigkeit einen langfristigen Mehrwert erkennt. Ist dies nicht der Fall, dann können und sollten Arbeitnehmer dafür werben und sich auch im Rahmen ihrer betrieblichen Mitbestimmung dafür einsetzen.


Vielen Dank für das Gespräch!


Text: Robert Uhde
Copyright Foto: The Global Goals Campaign

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