Mit Videos die Welt verbessern

Ursprünglich sollte er Bauer werden, doch mit diesem vorgegebenen Lebensweg wollte sich Hashem Al­-Ghaili nicht zufriedengeben. Heute hat der 27-­jährige Jemenit einen Abschluss in Molekularer Biotechnologie und ist ein Superstar in den sozialen Medien: Mit seiner Facebook-­Seite vermittelt er etwa 9 Mio. Menschen weltweit neueste wissenschaftliche Erkenntnisse auf anschauliche Weise.

Er wollte immer schon die Welt verstehen und sie für andere verständlich machen. Für beides hat Hashem Al­-Ghaili in seiner Heimat keine Möglichkeit gesehen: Der Jemen gilt als Armenhaus der arabischen Welt, viele Menschen leben dort mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft. Auch er selbst sollte den Weg des Agrarwesens einschlagen, wäre es nach dem Willen seiner Eltern gegangen. Doch Al­-Ghaili wollte stattdessen mithilfe der Wissenschaft auf die drängenden Fragen der Gegenwart Antworten fnden – etwas, das in der jemenitischen Gesellschaft seiner Meinung nach zu kurz kommt: „In meiner Kultur ist es leider nicht die Wissen schaft, sondern meistens die Tradition, die Fragen beantwortet.“ 

Also wurde Hashem Al­-Ghaili nicht Landwirt, sondern ging 2008 zum Studieren ins Ausland und verwirklichte sich später seinen Traum, Wissenschaftskommunikator zu werden. Sein Ziel: Menschen Zugang zu Informationen verschaffen, die verlässlich und vertrauenswürdig sind. Außerdem möchte er seinen Teil dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen. Hierzu veröffentlicht er auf seiner Science Nature Page bei Facebook regelmäßig Videos, die sogar oft konkrete Auswirkungen auf das echte Leben haben. So hat er vor einer Weile über eine Gruppe von Menschen berichtet, die Müll aus den Weltmeeren holt und daraus zur Finanzierung weiterer Projekte Armbänder herstellt und verkauft. Nachdem der Film online war, stiegen die Verkaufszahlen rasant an – und die Aktivisten konnten weiter aufräumen.

Seinen ersten Kurzflm veröffentlichte er im Sommer 2015 auf Facebook: Darin ging es um einen Fisch, der während der Paarungszeit ein außergewöhnliches Muster auf dem Meeresgrund erzeugt, um für sich zu werben. Keine zwei Jahre später hatten schon um die 9 Mio. Menschen aus aller Welt den „Gefällt mir“­-Button der Science Nature Page geklickt, Tendenz steigend. Mit dieser Resonanz hat der junge Jemenit nicht gerechnet. „Ich habe einfach gemacht, was ich liebe“, erzählt er. „Das sollte jeder tun. Denn wer für etwas wirklich Leidenschaft hat, wird auch andere begeistern.“ Für Videos entschied er sich, weil Facebook vor rund zwei Jahren über seinen Algorithmus kleinen Filmen eine besonders große Reichweite verschaffte.

Hashem Al­-Ghaili selbst informierte sich schon als Kind und Jugendlicher in Wissensmagazinen, bildete sich über Fernsehsendungen weiter und konzentrierte sich darauf, einen guten Schulabschluss zu machen. Mit einem hervorragenden Zeugnis in der Hand machte er sich schließlich auf den Weg in die Hauptstadt Sanaa, um sich beim Hochschulministerium um ein Auslandsstipendium zu bewerben – ohne das Wissen seiner Eltern. „Ich wollte etwas tun, wofür ich brenne“, erzählt er, „darum habe ich nach einem Ort gesucht, an dem ich eine bessere Bildung und Zugang zu modernen Technologien bekommen würde.“ Mit Erfolg: Der junge Jemenit erhielt ein Stipendium für die University of Peshawar in Pakistan, wo er sein Bachelorstudium im Fach Biotechnologie absolvierte. Doch damit war Al­-Ghailis Wissensdurst noch lange nicht gestillt. Vom Deutschen Akademischen Austauschdienst erhielt er ein weiteres Stipendium, das ihn an die Bremer Jacobs University und dort zu seinem Master in Molekularer Biotechnologie führte. 2015 wurde er ausgewählt, die Abschlussrede seines Jahrgangs zu halten. Er wollte seine Geschichte mit anderen teilen und „zeigen, dass jeder eine Chance hat, seine Ziele zu erreichen – ganz gleich, wie schwierig die Umstände sein mögen.“ Die kurzzeitige Überlegung, nach dem Studium selbst eine Karriere in der Forschung anzustreben, ließ er schnell wieder fallen. Denn: „Es gibt schon so viele Forscher. Oft kommunizieren sie ihre Ergebnisse aber nicht verständlich nach außen, was zu einer großen Lücke zwischen der Gesellschaft und der Wissenschaft führt.“

Dass Hashem Al­-Ghaili diese Lücke schließt und seine Fangemeinde begeistert, steht außer Frage. Ob ein neues Sicherheitssystem für Flugzeuge (mehr als 160 Mio. Aufrufe) oder die besondere Verbindung von werdenden Müttern zu ihren Föten (mehr als 125 Mio. Aufrufe): Mit seinen Videos vermittelt der 27­Jährige Wissen aus den unterschiedlichsten Bereichen unterhaltsam und verständlich. Auf der Suche nach Anregungen für neue Kurzflme verbringt er täglich viel Zeit damit, Fachliteratur zu lesen und sich über aktuelle Forschungsergebnisse zu informieren: „Das macht mir einfach Spaß. Und wenn mich etwas überzeugt, mache ich ein Video daraus.“ Dabei stammt das Filmmaterial zumeist aus öffentlich zugänglichen Quellen oder wird ihm von Wissenschaftlern oder Organisationen zur Verfügung gestellt.

Seine Theorie: Wer die ersten drei Sekunden eines Videos anschaut, bleibt oft bis zum Ende dabei. Daher legt Al­Ghaili besonderen Wert auf den Anfang seiner Videos. Außerdem beschäftigt er sich viel mit Themen, die eine direkte Verbindung zu den Menschen haben. Auf Werbung auf seiner Seite verzichtet er, weil er für sein Publikum unabhängig bleiben will. Seinen Lebensunterhalt verdient der deutsch und englisch sprechende Jemenit vor allem über Engagements als Redner und als Berater für SocialMedia­Kompetenz. Und vielleicht wird er demnächst auch in einer eigenen Sendung zu sehen sein: Die Produktionsfrma ZDF digital hat ihn als Ideengeber und Moderator für die geplante Serie „2070 – Edge of Science“ engagiert. Darin soll gezeigt werden, was die Wissenschaft bis 2070 erreicht haben kann und wie die Welt dann aussehen könnte. „Viele Zuschauer werden diese ferne Zukunft wohl nicht mehr erleben“, erläutert Al­-Ghaili, „aber es interessiert sie bestimmt, wie weit die Technologie bis dahin gekommen sein könnte.“ Unabhängig davon will Hashem Al-­Ghaili stets neugierig bleiben und neue Tätigkeitsfelder ausprobieren – unter anderem Bücher schreiben und längere Filme produzieren. Und natürlich auch weiterhin ein möglichst großes Publikum mit gut aufbereiteten Informationen aus der Wissenschaftswelt versorgen.

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